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Kandare und Sporen: zu recht verflucht?

"Ohne Sporen und Kandare würde es mir gefallen"

Ein vieldiskutiertes Thema

Autorin: Karin Hufschmid

Wir alle kennen die unzähligen Kommentare zu Sporen und Kandaren. Ein Bild in Facebook oder einem Internetforum, welches ein tolles Pferd-Reiterpaar zeigt, evtl. sogar in tadellos ausgeführter Aufgabe. Und sofort Kommentare wie "ohne Sporen und Kandare würde es mir gefallen", "Was findet ihr an dieser Folter schön????", "Wer sowas braucht, ist einfach nur ein Tierquäler". Sofort erinnert man sich an Bilder von eng gerittenen Pferden, nass geschwitzt und mit Sporenlöchern an den Seiten.

Folterinstrumente?

Doch sind es wirklich Folterinstrumente, die rein der Kontrolle über Zwang und Schmerz dienen?

Meine Ansicht ist ganz klar: Nein. Ich kommentiere solche Beiträge meist mit der Aussage, dass ich stolz wäre, könnte ich mit Kandare und Sporen reiten. Weil es für mich Instrumente sind für das Verfeinern von Lektionen auf sehr, sehr hohem Niveau.

Jeder kann mit einem 1cm breiten Pinsel einen Baum malen, und den wird man auch als solchen erkennen. Doch der Künstler, der so realistische Bilder zeichnet, dass man sie kaum mehr von einer Fotografie unterscheiden kann, wird ganz sicher ein feineres Werkzeug brauchen. Und genau so ist es für mich mit der Kandare und den Sporen. Brauchen tut man sie erst, wenn die Lektionen und deren Variationen durch so feine Unterschiede geprägt sind, dass eine ganze Wade oder das Gewicht eines Zügels zu unpräzise sind, um diese Feinheiten auszuarbeiten.

Über den korrekten Einsatz der Sporen

Die Sporen - wozu sie sind, und wozu nicht

Viel zu oft sieht man die Sporen als "Gaspedal" eingesetzt. Will das Pferd nicht zügig genug vorwärts (oder seitwärts), so spricht der Sporn ein Machtwort. Nicht umsonst bedeutet die Redewendung "gib ihm die Sporen", dass man jemanden zu mehr oder schnellerer Arbeit zwingen soll.

Und es ist ja auch verlockend: An den ersten warmen Frühlingstagen ist der Wallach, der eine Auszeichnung im Energiesparen verdient hätte, in der Springstunde fast über den Steilsprung zu tragen? Kurz die Sporen montiert, und er geht frisch vorwärts. Und auch das ehemalige Schulpferd, das "nur noch etwas Dressürlen" muss, ist mit Sporen nicht so abgestumpft und macht eifriger mit.

Bei diesen Beispielen ist für mich ganz klar, dass die Sporen falsch eingesetzt sind. Doch wann sind sie gerechtfertigt?

Dann, wenn die Lektion selber zwar zuverlässig und locker sitzt, aber verfeinert werden soll. Wenn die Signale des Beins sich nur noch um Nuancen unterscheiden, dann aber etwas anderes bedeuten. Vorne weg: Nach meiner Auffassung feinen Reitens hat das Bein kaum eine treibende Funktion. Grob gesagt bestimmt der Sitz, also Gesäss, Becken und Oberkörper, über Richtung, Gangart, Schrittlänge, Versammlungsgrad, Tempo und Takt.

Der Zügel ist ein unterstützendes Instrument für Balance, Biegung und Stellung. Das Bein wirkt auf Biegung, Stellung und dirigiert punktgenau Vor- und Hinterbein in der Vorwärts-, Seitwärts- oder Rückwärtsbewegung. Je nachdem, WO der Unterschenkel einwirkt, bedeutet dies etwas anderes. Mal heisst es, das Vorderbein soll seitlich weichen, mal dasselbe für die Hinterhand, mal heisst es die Mittelhand soll seitwärts führen, mal bedeutet es nur, dass (mehr) Biegung verlangt ist.

Dies beginnt damit, dass ich aus dem Stand und mit verschränkten Armen dem Pferd sagen kann, ob ich eine Vor- oder Hinterhandwendung möchte, ein Rückwärts oder Seitwärts, ein vermehrtes Anheben des Brustkorbes oder nur etwas Biegung. Was dabei anfangs noch ein deutliches Verschieben des Schenkels ist, wird immer feiner und weniger deutlich. Das "irgendwie" seitliche Bewegen wird zu einem ganz genau dirigierten Führen und Platzieren der Beine.

Doch auf wirklich hohem Grad und in höheren Gangarten kann es nicht sein, dass der Reiter den Schenkel noch immer sehr deutlich verschieben muss. Da ist es fürs Pferd sehr viel klarer, wenn statt der Fläche der Wade nur ein kleiner, präziser Sporn den Punkt berührt, der die gewünschte Bewegung auslöst. Eine solche Präzision erfordert

unglaubliches Körpergefühl, Konzentration und Können

Sicher nichts, was ein Drittel der Freizeitreiter mal so locker mit dem Reiten von zwei verschiedenen Pferden und Unterricht einmal pro Woche hinkriegen. Vielmehr erfordert es von den meisten eine jahrelange Schulung der eigenen Motorik auf verschiedenen Pferden, mehrmals die Woche und unter sehr regelmässiger Aufsicht. DAS ist für mich Reiten in Vollendung und ein mehr als berechtigter Einsatz von Sporen.

Der korrekte Einsatz der Kandare

Zur Kandare

Auch die Kandare, und sogar das auf den ersten Blick etwas martialisch anmutende Spade Bit der altkalifornischen Reitlehre, ist kein Folterwerkzeug, wenn man sie einzusetzen weiss und vermag.

Unter einer Kandare verstehe ich hierbei aber nicht jede Zäumung mit Hebelwirkung. So schliesse ich zum Beispiel alle sogenannten "Aussenkandaren" (gebisslose Zäume mit Hebelwirkung, auch mechanische Hackamores genannt) aus, wie auch jegliche ein- oder mehrfach gebrochenen Gebisse mit Anzügen.

Eine Kandare, wie ich sie verstehe, hat immer ein durchgehendes Gebiss (Stange), immer eine Kinnkette oder einen Kinnriemen und manchmal zusätzlich eine Unterlegstrense. Wenn man solch eine Kandare heute auf Bildern von FEI-Turnieren sieht, zweihändig geführt (resp. 2:2), oft mit dem Kandarenzügel eng und unter erheblichem Zug gehalten, dann könnte einem schon wieder die Traurigkeit oder Wut übermannen. Aber

es geht auch anders

Ein sorgfältig über Jahre vorbereitetes Pferd mit einem ebenso sorgfältigen und feinfühligen Reiter kann die Kandarenstange "lesen" wie ein Musiker den Dirigentenstab. Selbst an durchhängendem Kandarenzügel merkt das Pferd, sobald seine Kopf- und somit Körperposition nicht mehr ganz stimmt.

Ein so fein ausgebildetes Pferd vermag sich aufgrund der Lage der Kandare selbst besser zu positionieren, mehr Balance zu finden und zu korrigieren, wenn es diese mal kurz zu verlieren droht. Durch gut ausbalancierte und im Gewicht und Winkel wohl bemessene Anzüge spürt das Pferd jede Veränderung der Lage der Stange und vermag diese als Feedback zu verstehen und als Aufforderung, etwas zu verändern. Zusammen mit helfenden Signalen der Unterlegstrense oder des am Pferdehals angelegten Zügels ist sie ein tolles Instrument zur Weiterbildung auf sehr hoher Stufe.

Harmonie und Vertrautheit

Doch dies bedingt, dass eine sehr tiefe Vertrautheit und grosse Harmonie zwischen Pferd und Reiter besteht, und sämtliche Kontrollfragen und Diskussionen über Eifer und Motivation längst geklärt sind - zumindest für die Dauer der Lektion. Die Kandare wird in einer Hand geführt, um niemals ungleich mit zwei Händen einzuwirken. Mit Unterlegstrense oder gebissloser Unter-Zäumung wie Cavecon oder Bosalito werden die Kandaren-Zügel jeweils auch einhändig (meist links) geführt, in der sogenannten 3:1 Zügelführung. So, und nur so, sind die Signale für das Pferd klar, präzise und hilfreich. Und minimalste Bewegungen von Fingern oder Handgelenk werden für das Pferd zu einer Hilfe, nie aber zu Zwang oder Schmerz.

Keiner BRAUCHT Sporen und Kandare, um ein Reitpferd auszubilden und gesund zu erhalten. Das geht alles auch ohne. Aber man sollte diejenigen, die es verwenden und auch können, nicht gleich verfluchen. Beides ist weit entfernt von schädlich fürs Pferd, sofern vom wahren Könner eingesetzt - nur sind die rar, und jeder sollte sehr genau reflektieren, ob er und sein Pferd schon so weit sind.

Bis dahin dürfen wir auch Reiter mit Sporen und Kandaren bewundern, wenn sie sie korrekt nutzen ;-)

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