Verhungern neben dem Scheiterhaufen | 4my.horse

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Verhungern neben dem Scheiterhaufen

Anna Göldi wurde 1782 als Hexe enthauptet. Sie wurde beschuldigt, einem Kind ein Leckerli verabreicht zu haben, welches mit Stecknadeln gespickt war („…zumahlen solche in hier eine ungeheure That, vermittelst geheimer und fast unbegreiflicher Beibringung einer Menge Guffen und anderen Gezeug gegen ein unschuldiges acht Jahr altes Kind verübet hat.)

Im schweizerischen Umland und im europäischen Ausland sprach man bald von einem Justizverbrechen und erstmals von einem Justizmord. Dass der Glarner Hexenprozess der letzte in Europa blieb, ist hauptsächlich der ausgedehnten und kritischen Berichterstattung durch die auswärtige Presse zu verdanken.

Unrühmlich auch die Geschehnisse in meinem Nachbarsdorf Wasterkingen. Dort wurden in einem aufsehenerregenden Prozess 1701 sieben Frauen und ein Mann wegen Hexerei zum Tod verurteilt. Dem Prozess ging ein Dorfstreit um Holzschlag und Weiderecht voraus, der ausser Kontrolle geriet.

Niemand sühnte diese Justizverbrechen, da sie ja von der Obrigkeit selber verübt worden waren. Und was haben wir daraus gelernt?

In Europa geht es heute vergleichsweise gesittet zu, wenn wir an die Gräuel in fernen Ländern denken. Bei uns sind die Hexenverfolgungen viel subtiler geworden. Man wird ihrer beinahe nicht gewahr. Ausser, man steckt selbst in der Situation.

Nicola Steiner scheint eine solche moderne Hexe zu sein, die zum Tode verurteilt wurde. Doch die Justiz hat aus der Geschichte gelernt und verzichtet heute auf das umweltunverträgliche Verbrennen auf dem Scheiterhaufen oder das unpopuläre Ertränken à la Camorra. Heute wird sterben gelassen. Da steht dann wahlweise Verhungern, Erfrieren oder Verzweifeln mit Todesfolge auf der Palette.

In ihrem neusten Buch, der Satire: "Die Lüge vom Sozialstaat: Warum es die Todesstrafe in Deutschland immer noch gibt", beschreibt Nicola Steiner ihren verzweifelten Kampf gegen die Behörden, welche immer wieder neue Wege finden, um dringend nötige Unterstützungszahlungen nicht bezahlen zu müssen.

Der möglicherweise gut gemeinte Tipp einer Anwältin, sich mit ihren Kindern an der Tafel für Bedürftige zu verköstigen, scheitert daran, dass die Tafel einen Aufnahmestopp verfügt hat. Und der Versuch, sich als Pferdetrainerin selbständig zu machen, erweist sich als schrecklicher Bumerang. Mit den Stolpersteinen, die sich Nicola dadurch in den Weg gelegt hat, könnte sie sich ein Haus bauen lassen. Wenn sich der Mörtel dazu finanzieren liesse.

Was Nicola und ihre Kinder erlebt haben und wie sie sich trotz widrigsten Umständen bis jetzt geweigert haben, selber den Sprung ins Wasser zu machen, kann man in ihrem Buch nachlesen. Ein Stück Sozialsatire, das es in sich hat!

Foto: sophiegraphie.de

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