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Wohin gehört der Pferdekopf?

Ein Plädoyer für den goldenen Mittelweg: Wohin gehört der Pferdekopf und wohin nicht?

Ich bin ja aus vollem Herzen Westernreiterin und finde es einfach schön, wenn ein gelassenes, entspanntes Quarterhorse den Kopf ganz entspannt und unaufgeregt einfach nach unten fallen lässt. Trotzdem toleriere ich andere Reitweisen, denn alles andere ist einfach arrogant: Frei nach Sokrates weiß ich, dass ich nichts weiß und erreiche als überzeugte Parelli-Studentin immer nur den nächsten Level der Inkompetenz. Vor diesem Hintergrund wundere ich mich oft über die Inbrunst in Diskussionen, wo manche Kontrahenten es selbst dann ganz genau zu wissen glauben, wenn lediglich Meinungen ausgetauscht werden, die mehr von Emotionen geprägt als wissenschaftlich fundiert sind. 

Doch auch wenn ich mir sehr wohl bewusst bin, dass ich die Weisheit eben nicht für mich gepachtet habe: Bei der Europameisterschaft in Aachen fiel es mir schwer, anderen Reitweisen gegenüber Toleranz zu üben: Wenn ich Pferde sehe, die so sehr unter Strom stehen, dass sie nicht nur nicht stillstehen können, sondern sich selbst sogar auf die Zunge beißen … da werde ich einfach deswegen emotional, weil das Ganze kein Versehen war und auch kein reiterliches Unvermögen, das wirklich jedem passieren kann: Rollkur ist 100prozentiges Kalkül und damit „volle Absicht“ und ich frage mich: Sind spektakuläre Bewegungen das wirklich wert?

Was sagt die Wissenschaft zur Rollkur?

Weil meine Meinung hier aber von meinem individuellen Empfinden und Geschmack als Westernreiterin geprägt ist, wollte ich es wirklich wissen und das Ganze aus wissenschaftlicher Sicht betrachten. Die Wissenschaft kann natürlich insbesondere bei Studien auch vom schnöden Mammon unterstützt werden und das natürlich auf beiden Seiten, deswegen wühle ich mich am Liebsten durch Doktorarbeiten: Beim Thema Rollkur war da leider nicht allzu viel zu finden, aber immerhin die Dissertation von Anna Kattellans aus dem Jahr 2012, die z.B. den Einfluss unterschiedlicher Kopfhaltungen auf die Winkelung der Hintergliedmaßen untersucht (Quelle 1) und aufzeigt, wo der Pferdekopf zumindest nicht dauerhaft sein sollte:

„Seit dem 20. Jahrhundert (besteht) Übereinstimmung darüber, dass die absolute Aufrichtung sowohl dem harmonischen Bewegungsablauf entgegensteht als auch der Pferdegesundheit schadet.“ Lese ich emotional betrachtet gern: Die Westernreiter kennen ohnehin keine Aufrichtung, dort werden die Pferde zumindest als Endziel ausschließlich in Dehnungshaltung geritten: Aber auch hier kommen Pferdenasen gelegentlich hinter die Senkrechte und auch das ist manchmal Absicht. Der Unterschied ist, dass es hier nicht um spektakuläre Bewegungen geht, denn Aktion will der Westernreiter nicht. Er bevorzugt vielmehr flache Gänge, aber doch soll sich der Rücken des Pferdes nach oben wölben, um das Reitergewicht besser tragen zu können.

Zwei Extreme gleichzeitig

An den Bildern in Aachen hat mich vor allem gestört, dass gleich zwei Extreme kombiniert werden: Es ist eben nicht nur hinter-der-Senkrechten und auch nicht nur Aufrichtung: Es ist beides gleichzeitig - noch nicht einmal im Wechsel geritten. Philippe Karl, der das Buch „Irrwege der modernen Dressur“ (Quelle 2) geschrieben hat, vertritt die Position, das ein Pferdekopf unter keinen Umständen hinter die Senkrechte geraten darf, auch nicht in der Dehnungshaltung. Die Dehnungshaltung nach Phillippe Karl ist eine eher hohe Position und hat den Zweck, dass beim Jungpferd die Muskulatur neu aufgebaut oder beim gerittenen Pferd korrigiert wird. Beim gut bemuskelten und vor allem weiter ausgebildeten Pferd empfiehlt Karl aber, den sinnvollen Wechsel der Dehnungshaltung mit der relativen Aufrichtung – immer nur eins von beidem.

Das macht auch Sinn, denn das Reitergewicht wird keineswegs von den Rückenmuskeln getragen, da dies fleischige Muskeln sind. Diese sollen aber niemals dauerhaft angespannt werden, sondern sich auch immer wieder lösen können, weil sonst die Sauerstoffversorgung des Muskels nicht mehr sichergestellt ist: Wird ein (fleischiger) Muskel zu lange in einer extrem angespannten Position gehalten, dann baut er sich letztlich ab. Es muss sich etwa so anfühlen, als würde man fünf oder zehn Minuten lang versuchen, eine Einkaufstüte mit ausgestrecktem Arm zu halten: Von Minute zu Minute fangen die Muskeln immer mehr an zu brennen, so wird es zumindest auf der Website Pferdewissen.ch beschrieben (Quelle 3).

Die Nackenplatte hält den Kopf

In der Dehnungshaltung hingegen benötigt das Pferd kaum oder gar keine Muskelkraft, um seinen schweren Kopf zu halten. Das erledigt die Nackenplatte: ein sehniges Gewebe in der Form eines Dreiecks. Laut Quelle 3 sind sehnige Muskeln oder Sehnen sehr gut geeignet, um dauerhaft angespannt zu werden und somit auch Gewicht zu tragen. Diese Nackenplatte befindet sich im Hals des Pferdes. Daran ist das so genannte Nackenband befestigt. Der vordere Teil des Rückens wird durch das Nackenband gewölbt, beim hinteren Teil des Pferdes wird das Wölben des Rückens durch das Untertreten der Hinterhand sichergestellt, wobei die Bauchmuskeln ebenfalls daran beteiligt sind, das Reitergewicht zu tragen. Dieser Zusammenhang wird im Buch "Biomechanik und Physiotherapie" von Helle Katrine Kleven ähnlich dargestellt (Quelle 4, S. 51).

Zitate hieraus finden Sie auf der unten verlinkten Unterseite meiner Homepage, wo sie auch ein Video unserer Paintstute Fancy finden. Unsere Fancy hat im wahrsten Sinne des Wortes ihren eigenen Kopf und den am Liebsten weit oben. Da ich mich in allem, was ich mit Pferden tue am Natural Horsemanship orientiere (denn das sollte die Grundlage für alles Weitere sein), habe ich bei Fancy zunächst versucht, die emotionale Versammlung zu fördern, denn wer innerlich angespannt ist, kann auch äußerlich nicht locker sein. Nach den „Horsenalitys“ von Pat Parelli ist Fancy ein so genannter Right Brain Extrovert. Dieser Pferdepersönlichkeitstyp würde auf Deutsch übersetzt in etwa so beschrieben, dass es von Haus aus ein ängstliches Pferd ist, das zur Flucht neigt, also rennt, wenn es verunsichert ist oder Angst hat.

Ängstliche Pferde haben den Kopf weit oben

Typisch für diesen Pferdepersönlichkeitstyp ist: Der Kopf ist oben – ganz weit oben. Denn diese Pferde wollen ihre Umgebung nach Fressfeinden und möglichen Gefahren absuchen. Dennoch ist die Anatomie dieser Pferde natürlich nicht anders als die aller anderen Pferde. Nervöse Pferde profitieren nicht minder von der Dehnungshaltung und auch sie sollten in ihrer Muskulatur locker sein und im Rücken schwingen und diesen aufwölben. Die in der Fachwelt „Losgelassenheit“ genannte Eigenschaft ist unserer Fancy nun aber völlig fremd. Da sie erst sechsjährig angeritten wurde, war es gar nicht so einfach, sie davon zu überzeugen, locker zu sein.

Das kennen wir Menschen: Es gibt da keinen Knopf und auf die Aufforderung „Entspann dich mal“ reagieren die meisten Menschen eher ratlos. Aber unmöglich ist es dennoch nicht: Bei Menschen nutzt man z.B. die so genannte progressive Muskelentspannung, die ich einmal in einer Mutter-Kind-Kur kennen gelernt habe, um angespannte Muskeln zu lockern: Diese werden erst einmal so fest wie irgend möglich angespannt, um nach etwa einer Minute wieder loszulassen, so dass es dem Patienten leichter fällt zu entspannen. In der klassischen Ausbildungsskala ist der erste Punkt die erwähnte Losgelassenheit und der letzte die Versammlung. Der Begriff Versammlung ist dadurch geprägt, dass Muskeln angespannt werden: Das ganze Pferd wird schließlich verkürzt. Dass dies nur zeitlich begrenzt ausgeübt werden kann und soll, dürfte sich von selbst verstehen.

Beim Versuch unsere Fancy zu versammeln, hatten wir regelrechte Panik vor Rollkur-ähnlichen Momentaufnahmen. Doch Fancys Nase geriet halt doch immer einmal hinter die Senkrechte und meine Kinder und ich haben uns in diesen Fällen kontinuierlich gegenseitig korrigiert, weil wir durch die Diskussion über die Rollkur im höchsten Maße dafür sensibilisiert waren, dass ein Pferd niemals – auch nicht für wenige Sekunden – hinter die Senkrechte geraten darf, mit der Folge, dass Fancy auch erstmal nicht gelernt hat, den Hals fallen zu lassen und beim Geritten-Werden den Kopf mit der so genannten Nackenplatte und den Reiter mit dem Nackenband zu tragen.

Sag niemals nie

In einem anderen meiner Artikel mit dem Titel „Yoga for horses“ habe ich Pat Parelli zitiert, der sagt: „Sag niemals nie, sag nicht immer immer, normalerweise sag normalerweise.“ In einem Kurs, den wir in den Staaten bei Parelli besucht haben, hat er uns eine Übung im Stand vorgestellt, wo die Halsmuskeln des Pferdes gedehnt werden, bei der das Pferd aber dann doch hinter die Senkrechte gerät – kurzfristig wohlgemerkt. Es wird nicht dauerhaft in der Position gehalten, denn Rollkur wird im Natural Horsemanship selbstverständlich ebenfalls abgelehnt: Diese Übung aber sollten wir täglich mit unseren Pferden ausüben, so der Ratschlag von Pat Parelli. Im Natural Horsemanship wird das Pferd - wie oben erwähnt - schließlich zunächst emotional und mental ins Gleichgewicht gebracht, bevor man es mit dieser Übung körperlich versammelt. Denn ein Pferd, was Angst hat, kann nicht denken und wer nicht denken kann, kann nicht lernen. Da geht es Pferden auch nicht anders als uns Menschen.

So haben auch wir bei unserer Fancy alle Strategien angewandt, die ihr helfen, mehr Vertrauen zu entwickeln: Vertrauen in den Menschen, Vertrauen in die Umgebung und Vertrauen in sich selbst. Diese Strategien waren wichtige Zwischenschritte mit dem Ergebnis, dass Fancy sich mittlerweile sogar ohne Kopfstück in allen Gangarten reiten, aus dem Galopp anhalten und fliegend wechseln lässt – mit einer moderaten Kopfhaltung – nicht ganz oben und nicht ganz unten. Nun benötigt aber auch Fancy ein Mindestmaß an Versammlung und muss wie jedes andere Pferd auch gymnastiziert werden.

Der Weg von der WC-Ente hin zum losgelassenen Pferd

Wie oben gelesen ist ihre Vorliebe zur Kopfhaltung einer WC-Ente nicht gerade gesundheitsfördernd, da dabei dann ja auch der Rücken weg gedrückt wird. Daher ist manchmal auch der umgekehrte Weg denkbar und erforderlich: Ich entspanne das Pferd körperlich, damit es auch emotional loslassen kann. Diese Überlegung hat Pat Parelli einmal mit der sinngemäßen Frage aufgeworfen: „Was war zuerst? Das Ei oder das Huhn?“ (er sprach im Englischen von einer Eidechse). Ein Reining-Trainer hat mir einmal erklärt, dass ein kurzfristiges Treiben des Beins gegen den Zügel dazu führen kann, dass auch verspannte Pferde den Rücken wölben und weich werden können. Denn die Dehnung von Muskeln ist sowohl beim Menschen als auch beim Pferd grundsätzlich sinnvoll, wenn man eine bestimmte Grenze nicht überschreitet.

Würde man ein Pferd aber gewaltsam und auch noch dauerhaft in eine Position bringen, in der seine Muskeln sogar überdehnt werden, dann schadet man dem Pferd und betreibt pferdeschädliche Rollkur und mindert auch die seelische Losgelassenheit und die Fähigkeit des Pferdes sich im wahrsten Sinne des Wortes zu „sammeln“. Es geht wie so oft darum, das rechte Maß zu finden und möglichst Mittelwege zu beschreiten, die nicht umsonst golden genannt werden. Hannes Müller, Ausbildungsleiter der deutschen Reitschule in Warendorf ist erklärter Rollkur-Gegner und lehnt diese Methode rigoros ab, dennoch sei ein kurzfristiges Reiten hinter der Senkrechten keine Rollkur: „Ein Reiter muss wissen, wie viel wovon er wann einsetzt. Und bei Pferden, die sich im Rücken fest machen, ist es nicht zielführend, Angst davor zu entwickeln, dass das Pferd einmal hinter die Senkrechte gerät. So sehr ich Phillippe Karl schätze, so muss ich doch anmerken, dass es ihm bei manchen Pferden nicht gelingen wird, ihren Rücken zum Schwingen zu bringen. Die Maßgabe hohe Hand und Nase immer vor der Senkrechten, ist so gesehen das andere Extrem und geht nicht individuell genug aufs einzelne Pferd ein“, gibt der Berufsreiter zu bedenken.

Die alten Franzosen

Das wussten offenbar auch die französischen Reitmeister im 18. Jahrhundert. Anna Kattellans beginnt ihre Doktorarbeit (Quelle 1, S. 1) mit einem Blick in die Geschichte und stellt fest, dass die seit dem Mittelalter bekannte Technik, bei der das Pferd in einem 20-Grad-Winkel hinter die Senkrechte gedehnt wird, sowohl von Altmeister François Baucher als auch von dem bekannten Reitmeister Paul Plinzer angewandt wurde. Nach Phillippe Karls Buch „Irrwege der modernen Dressur“ (Quelle 2) hat Baucher zwei Methoden entwickelt. Seine zweite Methode ist bekannt unter den Stichworten: „Hand ohne Bein, Bein ohne Hand“. Bei seiner ersten Methode, treibt das Bein aber tatsächlich gegen den Zügel. Auf Seite 79 der Quelle 2 ist nachzulesen, dass diese erste Methode „Effet d’ensemble“ genannt wird und nur in begründeten „Ausnahmefällen angewendet (werden soll), um Widersetzlichkeiten des Pferdes im Keim zu ersticken“, erklärt Phillippe Karl diese Vorgehensweise.

Dementsprechend hat Xenophon-Gründer und Rollkurgegner Klaus Balkenhol in einem Spiegel-Interview (Quelle 5) Folgendes klar gestellt: „Ein Pferd für kurze Zeit auch mal rundzustellen, also den Hals herunterzunehmen, um den Rücken zu heben, das kann als gymnastische Übung sinnvoll sein und ist nicht weiter schlimm. Darum beweisen die jetzt herumgereichten Fotos extrem tief gestellter Pferde relativ wenig – das können ja Momentaufnahmen sein. Wenn ein Pferd aber, mit Hilfszügeln und scharfen Gebissen, sehr eng geritten und der Kopf über eine längere Phase gewaltsam tief, eng und teilweise zusätzlich seitwärts gezogen wird, dann entspricht das nicht der artgerechten Ausbildung des Pferdes. Es tut dem Tier garantiert weh.

Forschungen der Universitäten Uppsala und Guelph (zitiert nach Quelle 6) aus dem Jahr 2012 haben unter Beweis gestellt, dass bereits nach 10 Minuten Rollkur die Pferde unter vermehrtem Stress stehen, womit deutlich wird, dass auch die Dauer der Position von entscheidender Bedeutung ist. Auf den ersten Blick folgerichtig wurde „in einer Sitzung der FEI am 9. Februar 2010 mit Befürwortern und Gegnern der Rollkur der Begriff LDR eingeführt, der zwischen einer kurzzeitigen Hyperflexion ohne Kraftaufwand oder Aggression des Reiters (Low, deep and round) und Halspositionen, die durch „aggressive Kraft“ entstehen (Rollkur), unterschieden werden“ (Quelle 6). Bei der Europameisterschaft 2015 soll dann Beobachtern zufolge von Edward Gal Folgendes praktiziert worden sein: 10 Minuten extreme Aufrichtung, die Nase ununterbrochen hinter der Senkrechten, eine Minute Dehnung und dann wieder zehn Minuten zwei extreme Haltungen kombiniert, die wir unter dem Namen „Rollkur“ kennen. Wenn ich mir das Ganze mit der zuvor erwähnten Einkaufstüte an meinem ausgestrecktem Arm auch nur vorstelle, brennen mir schon beim Drüber-Nachdenken sämtliche Muskeln.

Fauler Kompromiss

Kritiker nennen diese LDR-Einigung somit einen „faulen Kompromiss“. Anna Kattellans (Quelle 1) übt ebenfalls Kritik, besonders an der tiefen Einstellung des Pferdes. Studien eines Mc Greevy aus dem Jahr 2004 haben ergeben, dass Pferde verunsichert werden, wenn Zügel- und Schenkelhilfen gleichzeitig angewendet werden (Quelle 7). In dieser Diskussion muss bedacht werden, dass der Reiter, der sein Pferd versammeln und somit verkürzen möchte, mit den Zügeln vorne begrenzen muss, denn auf ein alleiniges Treiben des Beins, würde das Pferd einfach nur schneller vorwärts gehen. In einem Artikel von Barnbox zum Thema (Quelle 8) wird Christoph Hess, der ehemalige Leiter der FN-Abteilung „Ausbildung“ zitiert. Er rät dazu, dass der Reiter mit der Zügelhand „abwartet“ statt zu ziehen, um die im Klassisch-Reiten erwünschte Anlehnung zu erreichen. Auch Hilfszügel (richtig verschnallt) könnten, zumindest nach Hess, dem Pferd helfen, diese Anlehnung zu finden, da sie in ihrer Wirkung konstant seien und ein gewaltsames Zerren des Reiters verhindern würden.

Trotz dieses Vorteils der konstanten Hilfengebung, sehe ich allerdings dann einen Nachteil, wenn ein Hilfszügel nur eine einzige Kopfhaltung erlaubt, weil dann der sinnvolle und für den Muskelaufbau notwendige Wechsel aus Spannung und Entspannung unmöglich wird. Es nützt nichts: Man wird sich die Mühe machen müssen und einfach gut reiten lernen müssen, dann braucht man keine Hilfszügel, weil eine weiche Hand niemals gewaltsam zerrt.

Hilfen punktuell einsetzen

Im oben erwähnten Barnbox-Artikel kommen auch einige Westernreiter zu Wort. Da es in dieser Reitweise zumindest im Endziel weder Aufrichtung noch Anlehnung gibt, rät Reiningreiter Grischa Ludwig in dem Artikel dazu, Hilfen punktuell einzusetzen: „Ich versuche von Anfang an, das Pferd von der Anlehnung wegzubekommen. Wenn es seine Form verlässt, drücke ich es da hin, wo ich es haben will.“ Im gleichen Artikel wird ein anderer Westernexperte zitiert. Ralph Edmond Knittel, Pferdewirtschaftsmeister und Trainer B, der zumindest in der Ausbildungsphase einen Sinn in der Anlehnung sieht: „Nur durch diese elastische Spannung zwischen Reiterhand und Pferdemaul und durch die gleichzeitige Aktivierung der Hinterhand kann sich das Nacken-Rückenband des Pferdes spannen und dadurch die Wirbelsäule stützen und vor frühem Verschleiß schützen.“

Ähnlich wie Pat Parelli rät die erfolgreiche Cutting-Reiterin Ute Holm von Extremen jeglicher Art ab – auch das Westernpferd müsse gymnastiziert werden. Holms Weg führt in drei Phasen über die Anlehnung zum Endziel des langen Zügels, denn erst muss das Pferd die Selbsthaltung lernen. Einfach den Zügel lang lassen, ohne jegliche Gymnastizierung, sei kein gutes Westernreiten, warnt Ute Holm: „Wenn ich ein Pferd dazu bringen möchte, seinen Rücken aufzuwölben, so muss ich mehr mit Bein und Hand reiten. Das reine Nachgeben am Zügel ohne den treibenden Schenkel, wird ein Pferd wohl nicht auf Dauer gesund erhalten.“

Reiten als Dialog

Auf Westernturnieren wird es mit Punktabzug bestraft, wenn das Pferd hinter die Senkrechte gerät. Also gilt es ohnehin langfristig, entweder eine weiche Anlehnung oder eine gute Selbsthaltung am langen Zügel zu erarbeiten. Im Westernreitern gilt ohnehin der Grundsatz: „Immer wenn das Pferd nachgibt, gibt der Reiter nach.“ Im Idealfall bedeutet das: Je schneller das Pferd weich wird, desto schneller wird auch der Reiter federleicht in der Hand und gibt dem Pferd Komfort. Dies scheint auch im Klassischreiten Priorität zu haben, denn Hannes Müller hat gemeinsam mit Eckart Meyners ein Buch geschrieben, dass den Titel „Reiten als Dialog“ hat.

Dieser Titel hat mich fasziniert, wie auch Pat Parelli Grundsatz: „Kommunikation ist gegenseitig“. Das ist für mich das entscheidende Kriterium und auch der entscheidende Unterschied: Wird ein Pferd in einer bestimmten Position regelrecht festgehalten, so lehne ich dies ab und schließe mich Hannes Müllers Statement „Rollkur, nein danke“ aus vollem Herzen an. Findet hingegen eine Kommunikation mit dem Pferd statt, die dem Pferd hilft, Muskelverspannungen aufzugeben,indem ein stetiger Wechsel zwischen Spannung und Entspannung stattfindet, dann befindet sich das Pferd-Reiter-Paar auf dem Weg zu feinem Reiten - selbst dann wenn das Pferd einmal kurzfristig hinter die Senkrechte geraten sollte, denn hier entscheidet am Ende das Pferd über die Dauer der Anspannung: Sobald das Pferd weich an den Hilfen wird, gibt der (Western-)Reiter mit der Hand nach. Am Anfang mag dies auch einmal wenige Minuten dauern, da kann es vielleicht auch passieren, dass ein Pferd im Genick mehr nachgibt, als am Halsansatz (dadurch gerät es ja hinter die Senkrechte), aber hier ist das Endziel nicht die größte mögliche Anspannung für spektakuläre Bewegungen, denn das will die Rollkur schließlich erreichen.

Bei gutem Reiten – ob Klassisch oder Western, ist es das erklärte Ziel, ein Pferd aktiv zu entspannen. Das ist das genaue Gegenteil der Rollkur, auch wenn es phasenweise sehr ähnlich aussieht. Nicht nur für den jeweiligen Reiter auch für den Betrachter von Fotos und Videos gilt: Die Kunst ist es, das Eine vom Anderen zu unterscheiden!


QUELLE 1: NEU: Eine Untersuchung zum Einfluss der Kopf-Hals-Haltungen auf Gelenkwinkel der Hintergliedmaße von Anna Kattelans  „Im Gegensatz zu dieser Reitweise fördere der vorwärts gedehnte Hals, der durch ein Wechselspiel von Anspannung und Entspannung den Rücken zum Schwingen bringt, einen taktsicheren Bewegungsablauf und führe zu physischer und psychischer Entspannung (DENOIX u. PAILLOUX 2000)“.

S. 6 bzw. 18 S. 19 – verschiedene Positionen

Und S. 20 S. 21: „RHODIN et al. (2005) lieferten somit zunächst Hinweise dafür, dass die tiefe Kopf-Hals-Position die Bewegungsamplitude des Rückens evtl. steigert. Allgemein zeigten Pferde mit einer größeren Schrittlänge auf dem Laufband eine vermehrte Bewegungsamplitude der Wirbelsäule im Schritt sowie im Trab (FABER et al. 2002, ROHDIN et al. 2005).“

S. 23: „Eine Verkürzung der Schrittlänge wurde in HNP 2, 3, 4 und 5 und somit sowohl in der aufgerichteten als auch in der abgesenkten Kopf-Hals-Position, nicht dagegen in der freien (HNP 1) und bei vorwärts-/abwärts- Dehnung (HNP 6) beobachtet (GÓMEZ ÁLVAREZ et al. 2006).“

S. 123 (111): „Die Ergebnisse von KIENAPFEL und PREUSCHOFT (2011) erscheinen kontrovers sowohl in der vorliegenden Studie als auch zu den Untersuchungen von VAN WEEREN (2008), die einen kausalen Diskussion 112 Zusammenhang zwischen Hyperflexion und Aufwölbung des Rückens festgestellt haben. Vor diesem Hintergrund sollte bis zu einer fortschreitenden Verifizierung zunächst der These von DENOIX und MEYER bezüglich des Zusammenhangs von Nackenbandspannung und Aufwölbung des Rückens in der Hyperflexion gefolgt werden.“

S. 129 : „Im Gegensatz zu den hier untersuchten Kopf-Hals-Haltungen besteht seit dem 20. Jahrhundert (RHODIN et al. 2009) Übereinstimmung darüber, dass die absolute Aufrichtung sowohl dem harmonischen Bewegungsablauf entgegensteht als auch der Pferdegesundheit schadet.“ 

QUELLE 2: Phillippe Karl (Irrwege der modernen Dressur S. 47): Deshalb ist die Reihenfolge der einzelnen Punkte so wichtig. Zuerst das Nachgeben im Unterkiefer fordern, dann die vollständige seitliche Biegung ohne Genickbeugung, als dritten Schritt das Beugen des Genicks ohne Absenken des Kopfes und schließlich die Dehnungshaltung nach vorwärts-abwärts.

QUELLE 3 Pferdewissen.ch

QUELLE 4: Buch von Helle Katrine Kleven, Biomechanik und Physiotherapie für Pferde, FN-Verlag, 3. Auflage, 2011

QUELLE 5:  Interview mit Balkenhol „Ein Pferd für kurze Zeit auch mal rundzustellen, also den Hals herunterzunehmen, um den Rücken zu heben, das kann als gymnastische Übung sinnvoll sein und ist nicht weiter schlimm. Darum beweisen die jetzt herumgereichten Fotos extrem tiefgestellter Pferde relativ wenig – das können ja Momentaufnahmen sein. Wenn ein Pferd aber, mit Hilfszügeln und scharfen Gebissen, sehr eng geritten und der Kopf über eine längere Phase gewaltsam tief, eng und teilweise zusätzlich seitwärts gezogen wird, dann entspricht das nicht der artgerechten Ausbildung des Pferdes. Es tut dem Tier garantiert weh.“ Xenophon-Gründer Klaus Balkenhol: Der Spiegel,

QUELLE 6: In einer Sitzung der FEI am 9. Februar 2010 mit Befürwortern und Gegnern der Rollkur wurde der Begriff LDR eingeführt, der auf den niederländischen Nationaltrainer Sjef Janssen zurückgeht. Damit soll zwischen einer kurzzeitigen Hyperflexion ohne Kraftaufwand oder Aggression des Reiters (Low, deep and round – LDR)[12] und Halspositionen, die durch „aggressive Kraft“ entstehen (Rollkur), unterschieden werden. Befürworter der Rollkur verstehen unter kurzzeitiger Flexion 20-30 min, Gegner der Rollkur verstehen darunter 20-30 Sekunden. Forschungen der Universität Guelph und der Universität Uppsala sprechen sich gegen die Rollkur aus.[22] In einer Studie von dänischen und niederländischen Forschern, wurde 2012 gezeigt, dass bereits nach 10 Minuten Rollkur die Pferde unter vermehrtem Stress stehen. Im Rahmen dieser Sitzung wurde auch die neue Unterscheidung zwischen der Hyperflexion (bzw. Rollkur) und „Low, Deep and Round“ (LDR) geprägt. Im Gegensatz zur Hyperflexion erfolge LDR ohne Aggressivität und sei somit akzeptabel. Es wurde eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Frank Kempermann, dem Vorsitzenden des Dressurkomitees, eingerichtet, um Hyperflexion und LDR genau voneinander abzugrenzen und Verfahrensrichtlinien für Turnierstewards bei Verdacht auf Rollkur zu entwickeln.

QUELLE 7:  Wie es auch McGreevy (2004) schon beschrieben hat, kann angenommen werden, dass die Pferde in der Hyperflexionsposition dadurch verunsichert werden, dass einerseits eine treibende Schenkelhilfe kommt und andererseits gleichzeitig eine parierende Zügelhilfe dagegen wirkt (von Borstel et al., 2009). In der aktuell vorliegenden Studie wurden ähnliche Parameter beobachtet und beurteilt und auch hier ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass die Verhaltensauffälligkeiten, die für Stress und Unwohlsein sprechen, während der Hyperflexion signifikant häufiger aufgetreten sind als in normaler Anlehnung.

QUELLE 8  Artikel von Barnbox

NICHT ZITIERT WURDEN FOLGENDE QUELLEN, da sonst Dopplung der Argumente, aber hier zur Info oder als Tipp zum Weiterlesen:

Englischer Artikel zur Rollkur

St. Georg-Artikel 

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