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Wie intelligent sind Pferde?

Sind Pferde intelligent oder einfach nur schlau?

Dieser Fachbeitrag von Maya Kellenberger wurde am 16.3.2017 erstmals in der Tierwelt als Auszug veröffentlicht. (Hier als Download)

  • Ist mein Pferd intelligent, wenn es beim Ton meines Autos von der Weide in den Stall springt und leise wiehernd erwartungsvoll am Tor steht?
  • Sind Pferde schlau oder intelligent, wenn sie beim Satteln den Bauch aufblasen, damit die Sattelgurte nicht zu fest angezogen werden kann?
  • Sind die Pferde intelligent, wenn sie nicht mehr in den Pferdeanhänger steigen wollen, weil das Training zu anstrengend oder mit unangenehmen Untersuchungen beim Tierarzt verbunden wird?

Maya und Lucio

Genauso gut könnte ich fragen:„Sind Menschen intelligent?“ Manche ja, manche weniger. Für mich gibt es, wie bei allen anderen Lebewesen auch, grosse Unterschiede in der Kreativität, im Einfallsreichtum und im Zusammenhänge erkennen. Wenn ich eine klare Antwort auf diese Frage geben müsste, wäre diese ganz klar ein JA.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass es Pferde gibt, die durch ihren Spieltrieb und ihre natürliche Neugier gewisse Dinge sehr schnell herausfinden. Dabei kommt es auch sehr darauf an, ob sie motiviert werden, eigene Ideen zu entwickeln oder ob jede gestellte Frage im Keim wieder erstickt wird.

Toleranz und Lob für neue Ideen

Hier sehe ich den Vergleich mit aufmerksamen Mitarbeitern im Betrieb. Werden Verbesserungsvorschläge angesehen, geprüft und gelobt, wird der Mitarbeiter weiterhin motiviert nach Lösungen suchen. Werden jedoch alle neuen Ideen als nichtig abgetan, wird er sich hüten, weitere Vorschläge zu bringen. Genauso ist es bei den Tieren. Es braucht ebenfalls Toleranz und Lob für neue Ideen, wenn das Pferd Lösungen anbietet und kreativ ist.

Die besten Showeffekte haben meine Pferde selbst herausgefunden und angeboten. Danach konnte ich es nur noch abrufen. Ich wusste, dass meinem jungen Pferd Lucio z.B. das Apportieren besonders Spass macht und habe das gefördert.

Eine mögliche Lernsequenz bei Pferden: Gegenstand suchen...
Gegenstand suchen
bringen...

Gegenstand bringen

und beim Übergeben gelobt werden.

Übergabe und Lob

40 Wörter

Pferde können ca. 40 Wörter unterscheiden. Das wird besonders beim Fahrsport, beim Longieren oder in der Freiheitsdressur erfolgreich eingesetzt. 

Peter Wohlleben beschreibt dies in seinem Buch: "Das Seelenleben der Tiere - über Liebe, Trauer, Mitgefühl und erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt". Für mich ist dieses Buch eine Bestätigung dessen, was ich bereits seit langem selbst beobachtet habe.

Mein 8 jähriger Hannoveraner Wallach Lucio ist sehr verspielt. Er ist ein Ausbrecherkönig. Wir mussten Knöpfe abmontieren, damit er nicht weiter Unfug trieb und nochmals ein Chaos in der Stallgasse veranstaltete, zum Leidwesen der anderen Pensionäre und des Stallbesitzers. Als ich an jenem Tag in den Stall kam, dachte ich, es habe eine Bombe eingeschlagen, so schlimm sah es aus. Lucio stand ganz vergnügt mitten in diesem Durcheinander und hatte sichtlich seinen Spass.

Wenn ich Lucio zur Fütterungszeit in den Anhänger verladen möchte und die anderen Pferde zur selben Zeit von der Weide in den Stall geführt werden, benötigt es viel Überredungskunst, damit er einsteigt. Er weiss genau, dass die anderen Pferde im Stall ausruhen können und dort ihr Kraftfutter und Heu erhalten. Ist dies Intelligenz oder ist es einfach nur schlau?

Pferde lesen unsere Körpersprache

Studien haben gezeigt, dass Pferde ein gutes Gespür für die Körpersprache und den Aufmerksamkeitszustand des Menschen besitzen. Sie spüren aus einer Distanz von 100 m wie der Mensch gerade drauf ist.

Pferde scannen uns innert Sekunden und spüren genau, ob der Mensch der vor ihnen steht unsicher ist, Angst hat oder Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Wir können unseren Pferden kein X für ein U vormachen. Die Pferde sind Meister in der Körpersprache und lesen uns wie ein offenes Buch. Leider sind wir Menschen uns oft nicht bewusst, wie viel wir mit unserem Körper aussagen. Mir fällt auf, dass die grössten Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd daraus entstehen, dass die Pferde nicht genau verstehen, was der Mensch ihnen vermitteln möchte.

Je besser ich meiner Energie und Körpersprache bewusst bin, umso schneller lernt das Pferd. Wichtig dabei ist, auch die kleinen Schritte in die richtige Richtung sofort zu belohnen. Dieses wichtige Körpertraining vermittle ich auch in meinen Kursen.

Visuelle und taktile Signale

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass Pferde mit ihren Pflegern über visuelle und taktile Signale geradezu kommunizieren, ihre Pfleger sozusagen um Hilfe bitten. Wenn ich mit meiner erfahrenen Stute Epilogue Bodenarbeit oder Reitunterricht gebe und ein Reitschüler die Aufgabe noch nicht korrekt umsetzen kann, schaut mich meine Stute oft hilfesuchend an. Manchmal seufzt sie ganz tief und zeigt damit, wieviel Geduld und Toleranz sie aufbringt. Da sie sehr fein eingestellt ist, hat sie viele Knöpfe, die man drücken kann. Wenn die Reiterhand nicht leicht in der Anlehnung mitgeht, quittiert sie es mit Zügel aus der Hand ziehen. Sobald die federnde Hand wieder stimmt, ist sie zufrieden und kaut ab.

Manche Pferde sind von Grund auf sehr kommunikativ, wenn sie Gelegenheit dazu haben, dies ausdrücken zu dürfen. In der heutigen Zeit sind wir diesen Themen gegenüber offener als früher. Meine Stute kam mit 6 Jahren zu mir und entwickelte diese Kommunikation erst mit der Zeit, als sie mehr Vertrauen hatte. Eine Geste reicht heute mit 25 jährig aus und ich weiss, was gefragt ist. Je besser ich das Tier kenne, umso besser verstehe ich es. Da braucht es oft keine Worte mehr. Heute ist es wie ein innerliches Gespräch. Auch bei fremden Pferden findet bei mir dieser Dialog automatisch statt.

Dann bin ich eins mit dem Pferd und es gibt kein ICH und DU mehr.

Geistige Förderung

Für mich ist das geistige Fördern des Pferdes genauso wichtig, wie das körperliche. Je vielseitiger und abwechslungsreicher die Aufgabenstellung, je besser. Manche Pferde, die geistig nicht ausgelastet sind, beginnen stereotypische Untugenden. Die geistigen Aufgaben können Bodenarbeit aller Art, Gymkhanas, Freiheitsdressur, Zirkuslektionen beinhalten und Geschicklichkeitsspiele aller Art. Gerade bei älteren oder verletzten Pferden ist es wichtig, sie geistig zu fördern, wenn der Körper nicht voll belastet werden darf.

Unterschiedliche Intelligenz

Intelligente Pferde haben ein gutes Reaktions- und Konzentrationsvermögen, sind motiviert und haben ein gutes Gedächtnis. Häufig sind sie allerdings auch etwas schreckhaft. Diese Pferde nenne ich auch „high spirited horses“. Sie sind sensibel, lebendig, aktiv und denken sehr schnell. Sie fordern auch eine abwechslungsreiche Arbeit vom Menschen. Diese Pferde nehmen alles wahr, was um sie herum geschieht, finden unsere Schwachpunkte sehr schnell heraus und spielen auch damit. Sie finden die Lösung bestimmt schneller heraus, als die gemütlichen Pferde, welche oft mit passivem Widerstand punkten. Beide sind auf ihre Art intelligent, nur drücken sie ihre Bedürfnisse auf verschiedene Weise aus.

Mit den Jahren habe ich gelernt die verschiedenen Pferdetypen zu studieren und sehe immer schneller, ob das Pferd ein Schnelldenker ist oder ob es etwas länger braucht, bis die Aufgabe im Hirn ankommt. In der Regel sind die hoch im Blut stehenden Pferde schneller im Umsetzen von Aufgaben, ausser die Angst blockiert sie. Die Kaltblutpferde brauchen erfahrungsgemäss etwas länger, sind dafür weniger explosiv, ruhiger im Gemüt und oft sehr kreativ, wenn sie für sich einen Vorteil darin erkennen.

Verschiedene Lerntypen

Es gibt sehr verschiedene Lerntypen. Gewisse Lehren unterscheiden zwischen linker und rechter Hirnhälfte, Intro- und Extrovertiert und Kombinationen davon. Jeder Pferdetyp wird differenziert trainiert und gefördert. Was für den einen spielerisch leicht ist, kann für den anderen bereits eine Überforderung sein. Braucht der eine Typ sich wiederholende Aufgaben, um Sicherheit zu gewinnen, wird es dem anderen bereits nach dem zweiten Mal langweilig.

Pferde lernen unter anderem durch die Wiederholung gewisser Abläufe, was als nächstes kommen wird (Konditionierung) und durch Abschauen (ein sicheres Pferd geht voraus und das unerfahrene folgt). Positive Verstärkung wirkt sehr motivierend, sei es durch Streicheln, einer Pause oder einer Belohnung mit Futter im richtigen Moment.

Pferde können nicht lernen, wenn sie Angst haben, unter Druck gesetzt werden, die Aufgabe nicht verstehen oder den Sinn in der Aufgabe nicht erkennen können.

Lucio im Trab

Pferde machen glücklich

Die Intelligenz der Pferde verblüfft mich immer wieder aufs Neue. Aus meiner täglichen Arbeit und dem Spiel mit den Pferden könnte ich viele lustige Beispiele erzählen. Diese Momente bringen mich und den Pferdebesitzer regelmässig zum Lachen und machen meine Arbeit mit den Pferden so lebendig und aussergewöhnlich.

Diese tiefe Befriedigung und Dankbarkeit habe ich in all den Jahren in meinem früher erlernten kaufmännischen Beruf nicht erfahren und ich ermutige jeden und jede, ihre Berufung zum Beruf zu machen. Heute bin ich sehr froh und unendlich dankbar, Mensch und Tier in dieser Lebensschule begleiten zu dürfen und lerne für mich jeden Tag wieder dazu.

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