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Physische und psychische Gewalt

Gewalt - Früher und heute

Gespräch mit Hans Bienz

Ein Artikel  aus der PASSION 1/2016

Die Grenzen zwischen Druck ausüben, strafen oder Gewalt anwenden ist oftmals fliessend. Wurde früher mehr Härte angewandt oder werden die Pferde heutzutage eher vermenschlicht? Diesen Fragen ist PASSION nachgegangen und hat festgestellt, dass Gewalt gegenüber dem Pferd ein Thema ist, welches die Menschen seit jeher beschäftigt.

Die Haltung der Pferde hat sich in all den Jahren stark gewandelt

Physische und psychische Gewalt

Übermässiger Einsatz von Sporen und Peitsche, an den Zügeln reissen oder ein Malträtieren mit Besen oder Gabel; diese Art der Gewalt gegenüber dem Pferd ist offensichtlich. Auch die körperlichen Folgen durch Gewalt, sei dies durch Überforderung im Training, Bewegungsdefizite oder Haltungsfehler sind ersichtlich.

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Gewalt kann jedoch noch ganz andere Gesichter aufweisen und sogar unentdeckt bleiben. Eine stille Gewalt zum Beispiel, wenn ein Bedürfnis des Pferdes nicht wahrgenommen wird oder dem Pferd durch Gedankenlosigkeit psychischer oder physischer Schaden zugefügt wird. Hier sind die Folgen nicht immer klar erkennbar, weil die Pferde verschieden darauf reagieren, sie vielleicht nur still erdulden.

PASSION wollte wissen, ob denn früher wirklich alles besser war oder ob sich die Welt für die Pferde verbessert hat in Sachen Reiten, Haltung und Umgang. In Hans Bienz wurde eine Person gefunden, deren Leben von Pferden bestimmt war und es auch heute noch ist.

Ein Blick zurück

Der deutsche Georg Engelhard von Löhneysen (1552-1622) war ein Stallmeister und Schriftsteller. Zur Ausbildung von Equiden schrieb er damals: „Die Pferde sollten nur bestraft werden, wenn sie etwas falsch machten, wenn sie etwas richtig machten, dann wurde ihnen schön getan“.

Dieser Aussage kann Hans Bienz nur beipflichten. Er hat die Ausbildungswege in der Militärreiterei miterlebt und gelebt nach dem Grundprinzip ‘Geduld und Konsequenz‘. „Natürlich handelte nicht jeder Reiter und Ausbildner genau nach diesem Prinzip, denn schlussendlich war das Temperament des Reiters entscheidend, ob er die nötige Geduld aber eben auch die erforderliche Entschlossenheit aufweisen konnte“, erklärt Hans Bienz.

Das Pferd im Militär

Man versuchte früher sehr wohl, die Ursachen eines Problems zu erforschen, wenn Pferde nicht wie gewünscht reagierten. „Die Pferdepsychologie war damals noch ziemlich unerforscht. Natürlich sprach man von Fluchttrieb, Herdentrieb, Stalldrang und Fortpflanzungstrieb und nutzte das auch bei der Ausbildung. Aber heute gibt es glücklicherweise viel mehr Informationen über die Instinkte der Pferde und Studien über ihr Verhalten“, sinniert Hans Bienz über die Vorteile der Gegenwart.

Der erfahrene Rösseler erzählt gerne über die Bräuche und Gepflogenheit in der Reiterwelt von früher. So gab es in der Pferde-Literatur um 1820 herum Tipps und Tricks zur ‘Korrektur von widerspenstigen oder stallbösen Pferden‘, welche heute befremdlich ja brutal klingen mögen. Ratschläge, wie man ein Pferd fesselt oder wie ein Pneu zur Korrektur eines webenden Pferdes in Ständerhaltung eingesetzt werden kann waren ebenso darin zu finden wie die Idee, ein Büschel Heu unter dem Pferdebauch anzuzünden, wenn der vierbeinige Genosse nicht ziehen wollte. Die Pferde mussten ihre Soldaten auf die Schlachtfelder führen oder tonnenschwere Transporte möglichst rationell ausführen. Sie waren vorwiegend “Gebrauchsgegenstände” die man einfach auswechseln konnte.

Dass der “normale” Mensch sich aus heutiger Sicht zum Teil sehr grob, um nicht zu sagen auf unzulässige Weise verhielt, ist den Umständen entsprechend ebenso “normal”. Doch Meister wie Xenophon oder Pluvinel, die die Geschichte des Pferdes geschrieben haben, waren ihrer Zeit in Sachen Tierschutz und tierfreundlichem Umgang weit voraus, und sind es eigentlich heute noch.

Liebe geht (nicht) durch den Magen

Ein grosser Unterschied im Umgang mit den Pferden von früher und heute sieht Hans Bienz in der Gabe von Belohnungswürfeli. „Früher bekamen die Pferde höchstens mal ein Zückerli von der Serviertochter bei einer Rast vor einem Gasthof“, schmunzelt der Reitlehrer, der die Ausbildung eines Pferdes ein wenig mit der Kindererziehung vergleicht. „Wenn ein Kind immer gleich alles bekommt, was es möchte, wird es vielleicht frech oder aufmüpfig und das ist bei Reitpferden genau so möglich“.

Einer gezielten Belohnung nach erbrachter Leistung sei nichts entgegenzuwenden, aber gedankenloses Reinstopfen von Goodys und Leckerlis zu jeder Zeit diene der Sache nicht. Schon gar nicht als Folge eines schlechten Gewissens gegenüber dem Pferd.

Auch die unsachgemässe Fütterung von zu viel Kraftfutter bei zu wenig Bewegung ist dem Pferd gegenüber unfair, kann eigentlich als subtile Gewalt angesehen werden. Bei vielen Freizeitpferden wäre in Sachen Kraftfutterzugabe der Erhaltungsbedarf das Mass aller Dinge. „Im Militär und in der Landwirtschaft galt es zu dieser Zeit zudem, strikte die Reihenfolge der Fütterung einzuhalten, also zuerst Heu füttern, dann am Brunnen tränken. Danach der Hafer plus Salz, allenfalls mit etwas Häcksel oder Melasse“, erklärt Hans Bienz, was seiner Meinung nach auch die Kolikgefahr verminderte.

Haltungsform und Fütterungsart haben sich stark gewandelt, dessen ist er sich bewusst und gerade Verhaltensauffälligkeiten wie Weben oder Koppen seien mit den heute gängigen Offenstallkonzepten sicher minimiert worden.

Pflicht oder Hobby

Wie hat sich der Einsatz des Pferdes verändert und ist der damalige Reitunterricht vergleichbar mit heute? Auf diese Frage kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Die meisten Reiter heute wissen gar nicht mehr, was die Pferde eigentlich leisten können. Ich erlebe oft, dass Reiter das Gefühl haben, ihr Pferd sei nun müde vom Training, aber meistens ist es der Zweibeiner, der an seine Grenzen stösst“, schmunzelt Hans Bienz.

Er zieht auch einen Vergleich zu Jugendlichen, die weniger „Seich“ machen, wenn sie etwas zu tun haben und gefordert sind. So verhalte es sich halt manchmal auch bei Pferden, die Dampf ablassen müssen mit Bocksprüngen oder sonstigen Widerspenstigkeiten, weil sie in der Arbeit unterfordert und übermütig sind. „Und im Kindergarten mit 3-jährig sind sie lieb und brav. Dann kommen sie in ein Flegelalter, was wiederum ihre Besitzer oder Reiter etwas überfordert, wie bei der Kinder-Erziehung“, lacht Hans Bienz. Er erinnert sich an die Reitstunden aus seiner Jugend, welche Pferd und Reiter stark forderten. Die Kavalleristen und Reitschüler mussten früher viel ohne Bügel reiten, lange traben und galoppieren und konsequent die Befehle des Reitlehrers ausführen. Auch bei der Einzelarbeit befahl der Reitlehrer die Struktur, es gab kein Wunschkonzert seitens der Reiter.

Legendär bei der Kavallerie waren die langen Brunnen in der Kaserne zum sogenannten „Arschbaden“, wenn der Allerwerteste buchstäblich durchgeritten war. Auch der Umgangs-Ton und Inhalt der Reitstunden habe sich stark verändert. „Heute sind viele Reitschüler kritischer, hinterfragen etwas, sehen sich Lernvideos im Internet an und stehen einer Vielfalt von Trainingsarten gegenüber“, sinniert Hans Bienz und sieht aber auch die entsprechende Entwicklung. Früher mussten die Kavalleristen die (kostenlosen) Reitübungen als Pflicht besuchen. Wenn ein Dragoner nicht alle Reitübungen machte, bekam er eine Verwarnung unter Androhung, ihm das Pferd wegzunehmen. Der Umgangston war härter, Demütigungen der Rekruten durch die Reitlehrer an der Tagesordnung, was noch heute ein Gesprächsthema ist bei Zusammenkünften ehemaliger Kavalleristen.

Heute sind die Reitschüler Kunden, die vom Reitlehrer eine Dienstleistung erkaufen und Reiten als Hobby betreiben.

Gewalt hat viele Formen

Pferde putzen als prägendes Erlebnis

„Früher hat man Pferde als Zugtiere an einer Kraftmaschine, dem Göpel eingesetzt. Dies wurde verboten, weil das stete ringsherum laufen der Pferde verpönt war. Und heute laufen Pferde in Führmaschinen auch im Kreis“, fällt Hans Bienz ein und zum Thema Pferdepflege und Warmreiten fallen ihm Unterschiede auf. „Zuerst wurden die Pferde gründlich und lange gestriegelt, dann kamen die raue und die feine Bürste und zuletzt der Staublappen. Das intensive Putzen festigte die Bindung zum Pferd, denn das Geheimnis einer schönen Beziehung ist, gemeinsam Zeit zu verbringen, fast wie in einer Partnerschaft“, schmunzelt Hans Bienz.

Zudem sei auch das ruhige Stillstehen stets ein Thema gewesen. Auch wenn heute vielleicht über die damalige Disziplin, Ordnung und Strenge etwas gelächelt wird. Ein gut erzogenes Pferd, das auch mal einfach brav stehen bleiben kann, ist in vielen Situationen Gold wert. Und die alte Tradition, auf einem Gruppenausritt die Gangarten anzusagen, sorge noch heute für Sicherheit. Hans Bienz findet, dass das Dehnverhalten und Schrittreiten heute teilweise stark vernachlässigt werde und der Gangart Schritt allgemein zu wenig Beachtung geschenkt werde. „Mindestens 10 Minuten oder einen Kilometer lang Schritt reiten gehörten zur Aufwärmphase, wie es seit jeher allgemein als Regel gilt, denn Führanlage, Pferde-Solarium, Osteopath oder Pferdemasseur gab es früher schlichtweg nicht“.

Ausrüstung und Material

Um es gleich vorne weg zu nehmen; Ausbinder und Schlaufzügel gab es früher auch schon, genau so die Sporen oder Peitschen. Aber das Angebot an Pferde- und Reitsportartikeln hat sich enorm verändert. Hans Bienz erzählt, dass die EMPFA-Bereiter fünf bis sechs Pferde mit demselben Sattel geritten hätten. Diese Dressursättel, mit Militärdecken unterlegt, waren von solider Qualität, ein Kunstwerk, das oftmals ein Reiterleben anhielt. Hatten die Militärreiter Knebeltrense und Olivenkopftrense im Gebrauch, sind es heute Hunderte verschiedener Trensen, die in telefonbuchdicken Katalogen zur Auswahl stehen. „Eigentlich sollte ich ein Pferd mit einer normalen Trense reiten können, sollte dies doch eine Sache des Sitzes und der feinen Zügelhand sein“, sinniert Hans Bienz, der einer neuen Wundertrense mit Geheimrezept nicht unbedingt vertraut, treten doch die alten Verhaltensmuster des Pferdes nach ein paar Tagen wieder hervor, wie er sagt.

Auch dem übermässigen Umgang mit Decken sieht Hans kritisch entgegen und sieht dies in Richtung vermenschlichen der Tiere. „Ich habe nie erlebt, dass EMPFA-Bereiter und Olympia-Sieger Henri Chammartin während dem Reiten eine Pferde- oder Kreuz-Decke verwendete“.

Stellenwert des Pferdes

Ein Freizeitpferd in dem Sinne gab es früher nicht gross, es waren Arbeitspferde, die für ihren Hafer arbeiten mussten“. Für einen Landwirt war es ganz sicher kein Thema, sein Pferd auf eine Altersweide zu geben. Er hat auch nicht überaus viel investiert, um ein Pferde-Leben zu verlängern, denn es waren ‘einfach Arbeits- oder Militärpferde‘, deren Dienst und Treue geschätzt wurden.

„Heute ist manchen Reiterinnen das Pferd wichtiger als der Partner“, lacht Hans Bienz „und nicht selten ist das Freizeitpferd gar ein Kinderersatz, es dreht sich alles um diesen geliebten Vierbeiner“. Die Art, sein Pferd zu beschäftigen hat sich auch einem starken Wandel unterzogen. Früher undenkbar, ist es heute ganz normal, mit seinem Pferd spazieren zu gehen. Zirzensische Lektionen sind längst nicht mehr nur dem Zirkus vorenthalten und auch der Bodenarbeit wird viel mehr Beachtung geschenkt. „Ich denke, man ist mit dem Tier früher generell rustikaler umgegangen und das Pferd musste sich mehr unterordnen. Heute wird dem Pferd gegenüber allgemein wohl weniger physische Gewalt angewendet. Druck wegnehmen ist Belohnung und das braucht halt etwas Gespür“.

Fazit: Gutes und Schlechtes gab es Früher wie Heute, es hat sich einfach verändert.


Zur Person Hans Bienz:

Hans Bienz

Der gelernte Landwirt und Berufsreiter ist ein ehemaliger Kavallerieoffizier und Schwadronskommandant. Er trat 1968 in die Eidgenössische Militärpferdeanstalt (EMPFA) ein, damals noch mit 300 Angestellten und bis zu 600 eingestallten Pferden. Im nationalen Pferdezentrum (NPZ) in Bern war er als Reitlehrer und Berufsschullehrer für den Fachunterricht Reiten eine geschätzte Persönlichkeit und übernahm später die Leitung des NPZ. Hans war Parcoursbauer, amtete als Dressur-, Spring- und Lizenzrichter und war als Equipenchef der ländlichen Reiter an fünf Europameisterschaften. Der 72-Jährige ist auch nach seiner Pensionierung ein aktiver Reiter und erteilt Reitstunden. Er vertritt die Meinung, dass auch der Reiter über Fitness verfügen soll. Er geht mit bestem Beispiel voran, absolvierte er doch vor kurzem den Inferno-Triathlon, eine sportliche Höchstleistung.

Fotos:  Karin Rohrer, Sandra Suter, Selina Barmettler, Agroscope Schweizer Nationalgestüt, zVg.

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