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Pferde stärken mit Zirkuslektionen: Voraussetzungen (2/4)

Teil 2 - Voraussetzungen


Autoren: Dr. med. Wolf ´Philipp´ Reuber beschäftigte sich als Arzt, Anthropologe und Sachbuchautor viele Jahre mit Stressforschung. Er ist überdies Kunstmaler. Dr. med. vet. Kerstin Reuber behandelt als Tierärztin und geprüfte Tierphysiotherapeutin im Berchtesgadener Land Pferde und andere Großtiere. Sie reitet einen andalusischen Hispano-Araber-Wallach und trainiert ihren Shetlandponyhengst in Zirkuslektionen und an der Kutsche. Wolfgang Hellmayr ist international gefragter Showreiter (aktuell im ungarischen Staatszirkus) und Pferdeausbilder auf seiner eigenen Anlage in Stadl-Paura, Österreich. Er gibt zirzensische Kurse im In- und Ausland.


Kurzer Rückblick auf Teil 1

Im ersten Teil hatten wir die Frage behandelt: Was ist eigentlich „Dressur“? Und wir stellten fest, dass noch niemand genau sagen kann, was es konkret bedeutet, einem Tier etwas anzudressieren: Lernvorgänge vom Typus der „Konditionierung“ spielen dabei sicher eine Rolle, sind aber ebenso sicher nicht alles. Denn auch sie basieren auf natürlichen Anlagen und „Instinkten“, die angeboren wurden und nicht erst erlernt werden müssen.

Diese Anlagen sind bei unterschiedlichen Tierarten verschieden, und auch innerhalb einer Art verschieden ausgeprägt. Sie zu verstehen fällt schwer, weil Tiere über Sinneskanäle verfügen, die uns Menschen verborgen bleiben.

Will man Dressur in einem artgerechten Rahmen durchführen, dann bleibt deshalb vorerst nur, sich ein möglichst klares Bild von den Möglichkeiten und Grenzen des Tieres zu verschaffen und diese nicht zu überschreiten. Das geht am einfachsten, indem man Verhaltensmuster aufgreift, die das Tier auch in Freiheit zeigt: Nur die behutsame Lenkung und Entwicklung natürlicher Anlagen bietet die Gewähr, dass der Lernerfolg nachhaltig ist. Was künstlich aufgenötigt wird, ist hingegen nicht dauerhaft und läuft Gefahr eines Rückfalls in ursprüngliche Verhaltensweisen mit nachfolgender Unbelehrbarkeit.

Zirzensische Lektionen bauen auf natürlichen Grundlagen auf, und sind damit eine abwechslungsreiche, artgemäße Trainingsmöglichkeit für das Pferd.

Sich darauf einlassen

Was aber sind die Bedingungen für eine solche Dressurarbeit? Kann jeder sie lernen? Oder braucht es dazu spezielle Talente? Erfordert die Dressurarbeit tägliches Training? Werden andere Lektionen dadurch gestört? Welche Umgebung ist erforderlich?

Eine entscheidende Voraussetzung liegt zunächst nicht beim Pferd, sondern beim Trainer: Er muss sich auf die Arbeit mit zirzensischen Lektionen einlassen! Nur ein bisschen damit zu liebäugeln geht nicht; diese Dressurarbeit fordert Konzentration und Beharrlichkeit, Geduld und Hintergrundwissen. Und das beginnt schon mit der Kenntnis von natürlichen Verhaltensweisen des jeweiligen Pferdes: Welche Anlagen zeigt es? Wie ist es gebaut, wie gymnastiziert, welche Schwächen hat es? Wie verhält es sich gegenüber anderen Pferden? Kennt und respektiert es den Trainer? Oder ist es dominant?

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Aufmerksames Ohr beim Trainer, obwohl das Pferd in eine andere Richtung guckt.

Beobachten

Wer sich davon ein Bild außerhalb der Stallroutine machen will, dem sei empfohlen, einmal einen oder mehrere Ferientage in einem Feldstuhl neben der Weide zu verbringen und die Tiere ausdauernd zu beobachten. Man lernt dann (neben der Erfahrung, dass Ethologie – d.h. Verhaltensforschung - sehr ermüdend sein kann), dass es lange dauert, bis man wirklich deutliche Beobachtungsergebnisse gewonnen hat. Gerade der ethologische Anfänger lauert nämlich auf spektakuläre und „interessante“ Aktionen und ist enttäuscht darüber, dass Tiere die meiste Zeit des Tages kaum etwas Besonderes tun.

Dabei entgeht dem Neuling für gewöhnlich, dass auch kleine und kleinste Ereignisse interessant sein können: Beobachtet man zum Beispiel das Hautzucken am Bauch der Pferde, wenn auch nur eine einzige Fliege sich darauf setzt, dann kann man ins Grübeln kommen, was Sporen oder Gerte an dieser Stelle wohl anrichten, wenn schon das Ultraleichtgewicht eines Insekts ausreicht, vom Pferd registriert und beantwortet zu werden!

Oder wer genau hinsieht, was sein Pferd von den Kräutern und Gräsern am Boden abzupft und was es stehen läßt, wird sich fragen müssen, wie es da unterscheiden kann, obgleich Pferde doch zur Nasenspitze hin nichts sehen? Man wird auf diese Weise Respekt vor der Feinheit seiner Maulregion bekommen und nachdenklich werden bezüglich Zäumung und Zügelfaust.

Wer dann noch das Spiel der Nüstern betrachtet, dem wird bewusst, dass Pferde viel mehr Geruchstiere sind als es das „Augentier“ Mensch sich vorstellen kann. Und so weiter... man lernt auf diese Weise ein wenig von der Sinneswelt des Pferdes kennen. Die aber ist die Grundlage für die Hinführung zur Dressur (Einzelheiten dazu finden sich in unserem Buch "Pferde stärken mit Zirkuslektionen: Training für Körper und Psyche".

Die Sensibilität bewahren

Pferde lassen (leider) sehr viel mit sich machen ohne sich zu wehren. Und so kann einem oberflächlichen Pferdehalter all die Sensibilität entgehen, die darunter wohnt. Auf diese Sensibilität aber sind wir als Reiter, Fahrer und Dresseure angewiesen, denn 200 bis 800 Kilogramm Pferd könnte auch der stärkste Mann nicht physisch bewegen – wir brauchen dazu die Aufmerksamkeit und Bereitwilligkeit des Tieres. Man muss sich z. B. unbedingt von der Vorstellung lösen, Schenkel- oder Zügelhilfen könnten ein Ross mechanisch lenken oder schieben – wer das glaubt, möge nur mal am stehenden Pferd versuchen, es durch Schub von der Stelle zu bewegen, wenn es gerade nicht mag! Nein, solche „Hilfen“ korrespondieren mit aktiven Reaktionen des Pferdes auf die Signale, die wir ihm senden – es arbeitet mit!

Dressur ist demnach nicht bloße Folgsamkeit, sie ist ein Miteinander. Pferde sind dafür grundsätzlich begabt und meistens auch mehr oder weniger interessiert. Dabei unterscheiden sich die Rassen nur wenig – vom kleinsten Pony bis zum schweren Kaltblut können sie Zirkuslektionen lernen.

Dass es dabei anlagebedingte und individuelle Grenzen, z. B. der Muskelkraft gibt, sodass nicht jede Lektion von jedem Tier ausführbar ist, versteht sich von selbst: Eine Levade kann z. B. nur ein Pferd bringen, das genügend Kraft in der Hinterhand, und hinreichend Balance dafür hat. Doch die meisten Lektionen machen einem gesunden Pferd keine physischen Probleme. Auch das Geschlecht spielt nur eine geringe Rolle - es sei denn in der Stutenrosse oder bei Hengsten, die zwischen Stuten stehen sollen – prinzipiell sind beide Geschlechter gleich begabt. Das Alter ist ebenfalls nur wenig einschränkend  - natürlich muss eine Grundreife erreicht sein, und ebenso natürlich wird man einem sehr alten Pferd nur das zumuten, was es noch leisten kann.

Bildlegende: Sensible Mäuler und Nasen sortieren das Futter

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Verhalten richtig interpretieren

Weit problematischer ist der Glaube „mein Pferd kann das schon!“, wenn es spontan zirkusreife Aktionen wie Steigen, Heben eines Vorderbeines oder Sitzen zeigt! Solche Verhaltensweisen sind nämlich keineswegs Naturtalente für Horseshows, sondern haben im Repertoire des Pferdelebens ganz andere Bedeutungen: Steigt ein Pferd, dann gewöhnlich aus einem Dominanzanspruch, oder wenn es sich wehren will. Hebt es die Vorderbeine, dann ist das meist ein Imponiergehabe oder, im Falle des Scharrens, der Vorbote für baldiges Hinlegen – der Boden wird präpariert um sich im Sand zu wälzen, Hautgeruch aufzunehmen oder sich zu baden etc. Manches Pferd sitzt nach dem Wälzen längere Zeit auf dem Hintern oder wetzt sich die Schwanzwurzel – sei es, weil es dort juckt, sei es, weil es schwer wieder hochkommt. Und so weiter: Man darf solche Verhaltensweisen also nicht als Showtalent missdeuten!

Gleichwohl kann man dergleichen für die Dressur nützen – freilich erst in einem genau erarbeiteten Rahmen: Steigen und das Heben der Vorderhand sind z. B. Dominanzgesten, die man besser erst aufgreift, wenn zuvor durch Defensivübungen sichergestellt wurde, dass der Trainer die Oberhand behält. Sonst kann es gefährlich werden, wenn das Pferd merkt, dass es sich über den Menschen erheben kann.

Wir brauchen also einen systematischen Aufbau der Lektionen, der sich nicht nur an der Leistungsfähigkeit des einzelnen Pferdes orientiert, sondern auch sicherstellt, dass der Trainer jederzeit das Sagen hat. Und das übt man mit einfachen Grundlektionen, wie dem Heben der Füße nach Anstoßen, dem Rückwärtsrichten und dem ruhigen, aufmerksamen Stehen ein. Sie sind die Voraussetzungen für die nötige Konzentration und Bereitschaft zum Erlernen schwierigerer Übungen, und ihre Wichtigkeit kann für den späteren Dressurerfolg gar nicht überschätzt werden.

Grundanforderungen beachten

Wer solche Voraussetzungen mit seinem Pferd schon erreicht hat, der wird leichter voran kommen. Doch ist man bei Stallbesuchen bisweilen überrascht, wie wenige Reiter und Fahrer diese Grundanforderungen erfüllen – ihre Rösser mögen nicht ruhig stehen, sie sind mit Auge und Ohr überall, nur nicht beim Trainer, das Füßeaufheben klappt nachlässig oder gar nicht usw. Zugegeben: So etwas einzuüben ist langweilig, aber es spart auf der anderen Seite unendlich viel Ärger und Mühe! Und wer schon dafür nicht die Geduld aufbringt, der wird kaum zu anspruchsvolleren Lektionen finden, die beharrlich und immer erneut geprobt werden wollen.

Überdies stabilisieren gerade solche einfachen Übungen das Beziehungsmuster zwischen Trainer und Pferd: Sie stellen sicher, dass das Tier den Menschen erkennt, ihm bereitwillig folgt, ihn als richtungsweisend akzeptiert und ihn auch als sicheren Ruhepol in heiklen Situationen empfindet.

Umgekehrt lernt der Halter, welche Signale im Spiel der Nüstern, der Ohren, der Augenbewegungen und des Leibes jeweils welche Stimmungen seines Tieres anzeigen: Hängt der Schweif ruhig herab oder schlägt er unruhig hin und her? „Rollen“ die Augen? Ist mindestens ein Ohr auf den Trainer gerichtet? Sind die Nüstern weit gestellt? Kaut das Pferd am Gebiss? Aus diesen und anderen Zeichen entnimmt der erfahrene Horseman, in welcher augenblicklichen Verfassung sich sein Pferd befindet und kann sich darauf einstellen.

Lernbereite Ausgangslage schaffen

Dressurarbeit beginnt also mit dem Schaffen einer konzentrierten, lernbereiten Ausgangslage. Dazu gehört auch die Umgebung: Man darf kaum erwarten, dass ein waches, interessiertes Pferd sich in ungewohnten Verhältnissen – z. B. bei einem Kurs in fremder Reithalle – gleichmütig und wie zu Hause benimmt. Oder dass es die Pferde anderer Kursteilnehmer ignoriert, wenn sie ihm fremd sind.

Hier zu fordern, dass es sich gleich und ausschließlich auf den Besitzer konzentrieren soll, wäre zu viel verlangt – im Gegenteil, es sollte stutzig machen, wenn das Tier von all dem kaum Notiz nimmt! Denn das wäre nicht „brav“, sondern stumpf. Und wir brauchen ja ein aufnahmebereites Lebewesen, wenn wir ihm Neues beibringen wollen.

Darum zielen die ersten Lektionen vor allem auf eine Eingewöhnung in den Vorgang des Dressierens als solchen: Nicht nur für das Tier, mehr noch für den Halter sind die nötigen Konzentrationsleistungen meist ungewohnt – kaum jemand ist darin geübt, sein Pferd so genau und so ausdauernd in allen Einzelheiten wahrzunehmen, wie es nötig ist, um jede seiner Regungen für das Dressurziel zu nutzen. Wer unseren Rat beherzigt hat und einen Tag mit „Verhaltensforschung“ am Rande einer Koppel verbrachte, der ist jetzt im Vorteil, weil ihm/ihr das ruhige, geduldige Beobachten schon vertraut ist.

Die Aufmerksamkeitsspanne von Mensch und Pferd

Es hat sich indes bewährt, nicht mehr als 20 Minuten am Stück zu trainieren – dann läßt gewöhnlich die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier nach. Man kann diese 20 Minuten jedoch über einen Kurstag hinweg verteilen und die Pausen nutzen, um bei anderen Teilnehmern zusätzliches abzuschauen: Andere Pferde, andere Probleme, die irgendwann aber auch auf einen selber zu kommen könnten. Wer sich da nur mit sich selbst beschäftigt, verpasst eine Chance. Denn dabei läßt sich vor allem studieren, wie genau Pferde auf die Exaktheit und Deutlichkeit unserer Anweisungen bestehen – jede Nachlässigkeit wird ausgenutzt um es sich bequem zu machen. Und so lernt der Trainer gleich eine Grundregel der Dressur: Lieber kleine und kleinste Einheiten konsequent durchführen, als halbe Sachen zu machen!

Die Grundlektionen der Aufmerksamkeit sind das Fundament für jeden weiteren Schritt. Und sie sollten bei jedem Training eingefordert werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Dann bildet sich irgendwann eine Dyade von Trainer und Pferd, eine Art Insel im Durcheinander der Ereignisse, ein als sicher empfundener Platz, auf den man zurück kommen kann, wenn man sich an Neues gewagt hat und es erst verarbeiten muss – etwa wie das Podest für die Löwen in der Zirkusarena (s. Teil 1). Und erst dann hat man ein ruhiges und zugleich waches Pferd auch in fremder Umgebung. Dies aber ist eine Voraussetzung für Showauftritte: Der Trainer und sein Pferd sollen zu einer verlässlichen Einheit zusammenwachsen, die auch in gänzlich ungewohnten Verhältnissen das Gefühl von Sicherheit vermittelt!

Sicherheit vermitteln

Für Sicherheit muss noch in anderer Hinsicht gesorgt sein: Manche Lektionen, besonders wenn sie aus dem Bereich des Offensiverhaltens entwickelt werden, setzen Kräfte frei, die auch Schaden anrichten können. Wer sein Pferd zum Steigen, oder auch nur zum Spanischen Gruß animiert, der ermutigt es unter Umständen zum Kräftemessen. Und dabei wäre der Trainer zumindest physisch allemal unterlegen. Mindestvoraussetzung zur Durchführung sind deswegen Reithelm und gegebenenfalls auch andere Schutzkleidung!

Denn laut einer notärztlichen Statistik geschehen fast drei Viertel der schweren Unfälle mit Pferden auf dem Boden – beim Putzen, Führen, Pflegen – also dort, wo der Pfleger den Pferdehufen und dem Fluchtverhalten des Pferdes am meisten ausgesetzt ist!

Deshalb sind nicht nur solche Übungen potentiell gefährlich, die ursprünglich aggressiven Charakter trugen, sondern auch defensive und passive Lektionen wie das Hinlegen: Man muss es unbedingt so leiten, dass der Trainer nicht auf die Seite der Hufe kommt, dass das Pferd sich nicht wälzt, und dass es sich (besonders unter dem Reiter) nicht so fallen läßt, dass ein Mensch darunter geraten kann!

Wir beschreiben solche Einzelheiten in unserem Buch, doch kein Buch kann sachkundige Anleitung ersetzen – man muss ja nicht nur wissen was man tun soll, sondern auch wie, und das ist niemals so gut zu beschreiben, wie es die praktische Anleitung vermitteln kann. Gleichwohl hilft das Nachlesen, um sich in Ruhe all das noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, was im Eifer des Handelns nur angedacht wurde.

Vertrauensvoll abliegen

Das Pferd sollte sich immer mit dem Rücken zum Trainer ablegen, um nicht in den Bereich der Hufe zu kommen

Äussere Bedingungen

Die äußeren Bedingungen sind hingegen einfacher zusammen zu fassen: Das Training sollte an einem geeigneten Platz mit weichem, aber rutschfesten Boden stattfinden (Grasnarbe ist weniger geeignet, Kies gar nicht), der Ort sollte es erlauben, ohne äußere Ablenkung konzentriert zu arbeiten, und er sollte genügend Raum für Ausweichmanöver bieten. Im Anfang sollte man es vermeiden an Plätzen zu trainieren, an denen das Pferd sich in Gewohnheiten gestört fühlten würde: Nicht in der Box, nicht in der Stallgasse, nicht im Paddock, die quasi für das „Privatleben“ des Tieres reserviert bleiben.

Im weit fortgeschrittenen Training kann es dann allerdings nützlich, ja erforderlich werden, die Trainingsplätze und Trainingsumstände immer wieder zu verändern, um das Tier für Auftritte unter wechselnden Bedingungen vorzubereiten. Hier muss sich dann das Duo Trainer/Pferd als stabiler Posten inmitten turbulenter Gegebenheiten bewähren.

Das betrifft nicht nur die Manege oder andere Showauftritte, es gilt nicht weniger für die Disziplin des Reitens und Fahrens außerhalb zirzensischer Arbeit: Manch ein Dressur- oder Springreiter befürchtet, sein Pferd könnte nun die reiterlichen Standardhilfen mit denen der Zirkuslektionen verwechseln und sie nicht mehr akkurat ausführen. Doch so etwas geschieht nur, wenn man nicht systematisch unter sachkundiger Anleitung trainiert, sondern eigenmächtig mit solchen Lektionen herumexperimentiert: Es ist ein zentrales Moment richtiger zirzensischer Ausbildung, dass jede Lektion vom Trainer mit einem klaren Kommando eingeleitet, und auch vom Trainer beendet wird! Dann entstehen keine Schlampigkeiten oder Unarten, und ein so geschultes Pferd verwechselt auch nicht klassische Hilfen mit zirzensischen Kommandos - vorausgesetzt, man trennt sie klar und eindeutig voneinander und verwendet konsequent die immer gleichen Ansagen und Weisungen für die gleiche Lektion. Zirkuslektionen sollen zwar Spaß machen und am Ende auch mal wie ein Spaß aussehen dürfen, doch die Dressurarbeit ist diszipliniert – nicht weniger als die der klassischen Reiterei.

Vertrauensarbeit

Um sein Pony in so einer Messesituation ablegen zu können, erfordert es viel Vertrauensarbeit

Konstanz wahren

Und wie in dieser macht man die besten Fortschritte, wenn man häufig übt. Häufig bedeutet indes nicht täglich – manch eine Lektion benötigt zu ihrer Reifung mehrtägige, ja sogar mehrwöchige Pausen, so, als müsse das Pferd die Sache erst „überschlafen“ und innerlich verarbeiten.

Doch jede Wiederholung und Erneuerung des Gelernten muss unbedingt mit genau jenen klaren und deutlichen Befehlen und Weisungen erfolgen, die seinerzeit einstudiert wurden – es ist nicht beliebig, ob man heute „Halt“, morgen „Brrr“ und übermorgen „Stopp“ sagt! So etwas ruiniert nur den Respekt und das Vertrauen des Pferdes in seinen Trainer. Zwar ist es nicht zwingend, bestimmte, in der Manegenarbeit übliche Kommandos zu verwenden (die meist dem Französischen oder dem Italienischen entlehnt sind und Amateuren oft nichts sagen), doch wenn man sich für ein Wort oder eine Geste  entschieden hat, dann sollte man unbedingt dabei bleiben! Gleichwohl schadet es nicht, die üblichen Begriffe und ihre Bedeutung kennen zu lernen, schon um sich innerhalb der zirzensischen Szene verständigen zu können.

Anatomische Kenntnisse

Eine weitere, wesentliche Voraussetzung zur Verständigung ist darüber hinaus die Kenntnis der wichtigsten anatomischen Punkte und Bezeichnungen: Wenn eine Lektion zum Beispiel als „Knien“ bezeichnet wird, so geht das Pferd dabei gar nicht auf seine Knie nieder, sondern auf seine Carpalgelenke, die unserem Handgelenk entsprechen!

Es ist zugegeben nicht immer leicht, sich die andere Anatomie des Zehengängers Pferd vorzustellen, und so kommt es unwillkürlich zu Verwechslungen ähnlich aussehender Bewegungsmuster von Mensch und Ross. Doch das Kniegelenk des Pferdes liegt natürlich in der Hinterhandbeuge nahe des Bauches, und bildet zusammen mit dem Hüftgelenk und auch dem gewinkelten Sprunggelenk, das unserer Ferse entspricht, die sogenannten „Hanken“, deren korrekte Beugung unter anderem bei der Levade eine Rolle spielt. Dieses echte Knie ist jedoch bei der Übung „Knien“ nicht gemeint – man hält sich da nur traditionell an den naiven Eindruck und seinen eingebürgerten Sprachgebrauch, auch wenn er anatomisch ganz unzutreffend ist.

Biodynamik und Biomechanik

Doch nicht nur die Kenntnis der äußeren Anatomie der Gliedmaßen ist für das Training Voraussetzung, es ist auch nützlich, wenigstens die wichtigsten Muskelgruppen zu kennen, die bei den einzelnen Lektionen am meisten beansprucht werden (Einzelheiten in unserem Buch). Denn Zirkuslektionen lassen sich neben der Showreiterei auch gezielt zur Gymnastizierung und Rehabilitation einsetzen, wenn man weiß, was hier jeweils an Muskeln, Knochen und Geweben mobilisiert und gefordert wird. Dabei ist es nicht nötig, die gesamte, äußerst komplizierte Muskulatur und ihre noch komplizierteren medizinischen Namen auswendig zu lernen, es genügt, sich einen Überblick über die maßgeblichen Muskeln, Bänder und Gelenke zu verschaffen, die bei zirzensischen Übungen in Aktion treten.

Denn erst dann versteht der Leser, weshalb wir in unserem Buch nicht nur von Biodynamik (also dem natürlichen Antrieb) zirzensischer Lektionen reden, sondern auch von deren Biomechanik: Erfreulicherweise haben sich in den vergangenen Jahren einige Fachleute dafür stark gemacht, die biomechanischen Grundlagen des Pferdesports hervorzuheben, um Unsitten entgegen zu treten, die das Pferd in qualvolle Zwangsregime zwingen, nur um zu imponieren;

Methoden, die gänzlich gegen die Natur sind und aus dem Pferd eine geschundene Kreatur machen, die trotz glanzvoller Auftritte kaum weniger erbärmlich ist als ein Tanzbär.

Pferdegerechte Zirkuslektionen

Geht man jedoch der Frage gewissenhaft nach, ob die Vorstellungen vom richtigen Training auch anatomisch angemessen sind, dann erweisen sich Zirkuslektionen, die auf dem Hintergrund natürlicher Bewegungsmuster entwickelt wurden, als wirklich pferdegerecht und widersprechen insofern den typischen Vorurteilen, die manch einer mit „Zirkusdressur“ verbindet. Ja, man eröffnet sich dadurch einen Horizont abwechslungsreicher und gymnastisch wertvoller Optionen im Umgang mit dem Pferd, die das übliche, oft eintönige Training bereichern und ergänzen können.

Einen ersten Einblick in solche Lektionen wollen wir dem Leser in der nächsten Folge geben.

Pferde stärken mit Zirkuslektionen

 

 
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