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Pferde stärken mit Zirkuslektionen: Lektionen (3/4)

Teil 3 - Lektionen


Autoren: Dr. med. Wolf ´Philipp´ Reuber beschäftigte sich als Arzt, Anthropologe und Sachbuchautor viele Jahre mit Stressforschung. Er ist überdies Kunstmaler. Dr. med. vet. Kerstin Reuber behandelt als Tierärztin und geprüfte Tierphysiotherapeutin im Berchtesgadener Land Pferde und andere Großtiere. Sie reitet einen andalusischen Hispano-Araber-Wallach und trainiert ihren Shetlandponyhengst in Zirkuslektionen und an der Kutsche. Wolfgang Hellmayr ist international gefragter Showreiter (aktuell im ungarischen Staatszirkus) und Pferdeausbilder auf seiner eigenen Anlage in Stadl-Paura, Österreich. Er gibt zirzensische Kurse im In- und Ausland.


Rückblick auf die vorhergehenden Folgen

Was ist eigentlich Dressur?

Im ersten Teil hatten wir die Frage behandelt: Was ist eigentlich „Dressur“? Und wir stellten fest, dass noch niemand genau sagen kann, was es konkret bedeutet, einem Tier etwas anzudressieren: Lernvorgänge vom Typus der „Konditionierung“ spielen dabei sicher eine Rolle, sind aber ebenso sicher nicht alles. Denn auch sie basieren auf natürlichen Anlagen und „Instinkten“, die angeboren wurden und nicht erst erlernt werden müssen. Diese Anlagen sind bei unterschiedlichen Tierarten verschieden, und auch innerhalb einer Art verschieden ausgeprägt. Sie zu verstehen fällt schwer, weil Tiere über Sinneskanäle verfügen, die uns Menschen verborgen bleiben.

Will man Dressur in einem artgerechten Rahmen durchführen, dann bleibt deshalb vorerst nur, sich ein möglichst klares Bild von den Möglichkeiten und Grenzen des Tieres zu verschaffen und diese nicht zu überschreiten. Das geht am einfachsten, indem man Verhaltensmuster aufgreift, die das Tier auch in Freiheit zeigt: Nur die behutsame Lenkung und Entwicklung natürlicher Anlagen bietet die Gewähr, dass der Lernerfolg nachhaltig ist. Was künstlich aufgenötigt wird, ist hingegen nicht dauerhaft und läuft Gefahr eines Rückfalls in ursprüngliche Verhaltensweisen mit nachfolgender Unbelehrbarkeit. Zirzensische Lektionen bauen auf natürlichen Grundlagen auf, und sind damit eine abwechslungsreiche, artgemäße Trainingsmöglichkeit für das Pferd.

Voraussetzungen für Dressurarbeit

Im zweiten Teil ging es um die Voraussetzungen: Was sind die Bedingungen für eine solche Dressurarbeit? Kann jeder sie lernen? Oder braucht es dazu spezielle Talente? Erfordert die Dressurarbeit tägliches Training? Werden andere Lektionen dadurch gestört? Welche Ausrüstung ist erforderlich?

Die Antwort: Jedes gesunde Pferd im leistungsfähigen Alter kann zirzensische Lektionen lernen, wenn auch nicht immer alle - zu manchen Übungen gehört ein spezielles Talent, und nicht zuletzt die dafür nötige Muskelkraft und Balance. Doch im Großen und Ganzen kann vom Kleinpony bis zum schweren Kaltblut jedes Pferd auf Zirkuslektionen dressiert werden, wenn man es richtig macht. Richtig, das heißt im Rahmen seiner natürlichen Anlagen. Und die muss man eben kennen. Dazu braucht es eine unvoreingenommene scharfe und geduldige Beobachtung des Pferdeverhaltens in Freiheit, um zu wissen, welche Bewegungsmuster im artgemäßen Repertoire der Tiere liegen, die man aufgreifen, und durch Dressur abrufbar machen kann.

Eine Grundbedingung dafür liegt aber auch in der Zuwendung des Dresseurs: Nur wer sich dazu diszipliniert, genaue und klare Anweisungen zu geben und jede Regung seines Tieres zu verfolgen, kann sich einem Pferd verständlich machen. Denn Dressur ist keine Einbahnstraße, sondern ein Miteinander. Und da Pferde nun mal nicht sprechen können, braucht es eine gute Kenntnis ihrer körperlichen Möglichkeiten, Grenzen und Ausdrucksweisen, um ihren aktuellen und allgemeinen Zustand einschätzen zu können. Dazu gehören auch grundlegende Kenntnisse der Anatomie und der Biomechanik, wie wir sie in unserem Buch „Pferde stärken mit Zirkuslektionen“ vermitteln. Erst auf dem Hintergrund solcher Kenntnisse darf man sich an die systematisch aufgebaute Dressurarbeit heran wagen, von der hier im dritten Teil die Rede sein soll.

Wozu Zirkus?

Was gefällt uns an Manegenzauber, Tierdarbietungen, Horseshows, Dressuren so, dass wir hingehen und nicht wenig dafür bezahlen? Und was bewegt einen Menschen dazu, Trainer oder gar Kaskadeur werden zu wollen? Große Pferdegalas sind derzeit landesweit ausverkauft und es gibt Fans, die keine Vorstellung auslassen. Auch reiterliche Laien besuchen sie und die berühmten Hofreitschulen, und sind davon zu begeistern – wie kommt das?

Einen Nutzen hat sowas auf den ersten Blick ja nicht. Und nüchtern betrachtet fragt es sich überdies, was daran eigentlich attraktiv sein soll, wenn Tiere sich mit artistisch anmutenden „Nummern“ in einer Arena präsentieren? Sie selber würden derlei gewiss nicht inszenieren, also folgen sie anscheinend nur unseren menschlichen Interessen?

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Ein Kompliment zur Begrüssung anlässlich einer Show

Pferde faszinieren

Ja – und nein! Wer Pferde im Freiland kennt, der weiß, dass sie bei entsprechender Gelegenheit sehr wohl Imponiergebärden, „große“ Gänge, Kapriolen und Tollereien zeigen, die jene in der Manege an Leichtigkeit, Eleganz und Kraftausdruck noch übertreffen. Ja, gerade die Bewunderung dafür mag ursprünglich Menschen dazu angeregt haben, Teil dieser wunderbaren Kraft und Schönheit werden zu wollen; sie sich verfügbar zu machen, sich in sie einzubringen und mit ihr zu harmonieren: Wer hätte beim Anblick solcher Grazie und Dynamik nicht schon einmal davon geträumt, gemeinsam mit den Pferden über Strände, durch Wälder und Auen zu „fliegen“ oder mit ihnen zu sein, wenn sie sich aufrichten und bäumen? Und man darf nicht vergessen, dass auch sportliches Reiten, Fahren und Voltigieren genau so wenig unmittelbaren Nutzen haben wie Showreiterei oder Freiheitsdressur.

Die Gründe, warum man es trotzdem tut, und es sogar professionell betreibt, sind also in erster Linie ästhetischer Natur. Denn als Arbeitstiere dienen Pferde heutzutage nur noch selten, und auch die aus der Gebrauchsreiterei entwickelten Methoden wie Reining, Cutting oder Doma Vaquera sind heute mehrheitlich nur noch Folklore.

Unvermindert aber ist die Lebendigkeit und Ausdruckskraft der großen Tiere!

Wilde Ursprünglichkeit

Wenn man sie nicht in ein vermenschlichendes Korsett zwingt, sondern ihren natürlichen Charme zu erhalten weiß, dann faszinieren sie immer aufs Neue durch ihre anscheinend unvergängliche Ursprünglichkeit.

Genau das aber ist die große Herausforderung: Das „Wilde“ nur so zu bändigen, dass es nicht ganz verloren geht. Viele bemühte Pferdeleute scheitern daran – entweder überfordert sie irgendwann die Ungebärdigkeit des Tieres, oder sie wollen zu schnell und mit unzulänglichen Mitteln zu viel erreichen. Andere glauben sogar, das Tier unter ihren Willen zwingen zu müssen um es sich untertan zu machen. In solchen Fällen greift man dann zu Zwangsmitteln, mit denen der schwächere Mensch sich das stärkere Tier unterwirft. Und wenn diese Mittel nur hart genug eingesetzt werden, kann auch der David Mensch den Goliath Pferd besiegen.

Ein hohler Sieg

Doch ein besiegtes Lebewesen verliert mit der Demütigung zugleich seine lebendige Ausstrahlung! Und das entgeht auch jenen nicht, die Gewalt anwenden, denn was sie damit erreichen, ist ästhetisch ein hohler Sieg: Folgsamkeit auf Kosten der Lebendigkeit. Das aber wollen auch sie nicht – sie möchten ja mit ihren Künsten imponieren. Doch weil das mit Zwang nicht so gelingt, wie man es sich gewünscht hat, werden immer neue künstliche Tricks angewandt, um dem gezwungenen Erscheinungsbild der so unterdrückten Tiere durch Scheindynamik einen lebhaften Anstrich zu geben; Aktionen, die zwar imposant wirken, aber jede Gelöstheit und jede Freiwilligkeit vermissen lassen.

Wer in solcher Weise mit Pferden umgeht, wird kaum eingestehen, dass er insgeheim neidvoll auf jene blickt, die mit behutsamen Mitteln zu Ergebnissen kommen, die an Könnerschaft nichts schuldig bleiben und dabei doch den natürlichen Charme spielerischer Unbefangenheit bewahren konnten. Ja, es war der Traum aller berühmten klassischen Schulen der Pferdeausbildung, dies zu erreichen.

Wozu also dressieren?

Doch was ist das eigentlich für ein Wunsch? Was möchten wir sehen, was erreichen, wenn wir Pferde dressieren?

Es gab historische Epochen, etwa das Barock, in denen die Beherrschung von Tieren das Vergnügen der Zuschauer war: Bilder abscheulicher Tierquälereien in Jagd und Hege stehen da in einem seltsamen Kontrast zu äußerst subtilen reiterlichen Ausbildungsmethoden, von denen sich heute noch die „klassischen“ Dressuren herleiten. Ziel war es anscheinend, zu zeigen, dass menschliche Intelligenz und menschlicher Wille eine als wild erlebte Natur nach Gutdünken gängeln könne.

Das ist verständlich für Zeiten, in denen die Menschen von der Natur noch unmittelbar abhängig waren – so von der Beherrschung des Pferdes als vorrangigem Arbeits- und Transportmittel! Es gab dabei unzählige schlimme Unfälle, die, angesichts einer noch kaum entwickelten Chirurgie, wenn nicht zum Tode, so doch zu lebenslangen Verstümmelungen führten. Da lag es nahe, zeigen zu wollen, dass der Mensch das Tier in den Griff kriegen kann.

Zugleich hatte man eine außerordentlich hochstehende Kunst entwickelt – Malerei, Skulptur, Musik, Dichtung standen in prächtiger Blüte – und der Zeitgeist verlangte danach, auch Tiere nicht nur zu bändigen, sondern daraus eine Art Kunstwerk zu machen. So entstand u.a. der „Tattersall“ (nach Richard Tattersall, London 1766), der Hallenbetrieb, in dem die Reitkunst zelebriert wurde, bis sich daraus ein Bild stilisierte, wie wir es z. B. von den berühmten Meißener Porzellanpferden kennen – nur eben lebendig, wie in der bis heute traditionell arbeitenden Spanischen Hofreitschule in Wien.

Auch der Begriff „Zirkus“ leitet sich aus dem lateinischen „circus“ für einen Kreis oder eine Bahn für Wagen- und Pferderennen her, und wurde von „Artisten“ (lat. ars = Kunst) übernommen, die im „Zirkel“ der „Manege“ (vom französischen manège für „Reitbahn, Reitschule, Pferdedressur, Reitkunst“ aus dem italienischen maneggio für „Führen, Handhaben“) ihre „Kunst-Stücke“ zeigten. Es gibt aus dieser Epoche ausgefeilteste Dressur- und Reitlehren (z. B. von Francois Robichon de la Guérinière 1769), die bis heute ganze reiterliche Regelwerke maßgeblich beeinflussen.

Soldat Pferd

Später überlagerten militärische Ausbildungsinteressen, die es immer schon gab, das künstlerische Bestreben: Möglichst viele, unterschiedlich talentierte Soldaten mussten auf einen reiterlichen Kurs gebracht werden, der die wertvollen Pferde nicht unnötig verschliss, sie aber gleichzeitig nach strategischen Interessen verfügbar machte. Als später die Kavallerie zugunsten motorisierter Transportmittel zurücktrat, blieben die dort erworbenen reiterlichen Fertigkeiten immer noch ein Hingucker für das Publikum – bis vor wenigen Jahren nannte man die Vielseitigkeitsprüfungen ja noch „Military“. Und in manchen Reitinstituten, wie dem „Cadre noir“ in Saumur, Frankreich, lebt eine Tradition bis heute fort, die militärische Disziplin und überlieferte Reitkunst in Verbindung halten möchte – erst unlängst gab es eine Kooperation des „Cadre noir“ mit dem Französischen Staatszirkus für gemeinsame Auftritte.

Denn viele der zirzensischen Lektionen sind beiden Schulen, und darüber hinaus auch dem heutigen Dressursport gemeinsam: Piaffe und Passage sind z. B. fester Bestandteil der höchsten Turnierklassen, entstammen jedoch der zirzensischen Reiterei. In anderen Ländern, wie in Spanien, pflegt man darüber hinaus kunstvolle Übungen wie den Spanischen Gruß, den Spanischen Schritt und -Trab. Was jeweils modern ist und einen Platz in den offiziellen Reglements erhält, ist dabei wohl mehr oder weniger Geschmacksache.

Piaffe

Eine Piaffe am langen Zügel

Von der Gebrauchsreiterei zur Reitkunst

Andere Lektionen entstammen der Gebrauchsreiterei von Hirten und Postillionen („Ungarische Post“): Die Wendung im Galopp, die Pirouetten, Serien von Galoppwechseln und mehr wurden und werden z. B. im Westernreiten, oder auch in der „Doma Vaquera“ , der traditionellen spanischen Hirtenreiterei gepflegt (u. a. in der Real Escuela Andaluza del Arte Equestre, der königlichen Hofreitschule in Jerez de la Frontera, Spanien), die man in den 1970er Jahren zur eigenen europäischen Turniersportart erhob.

Zur „Reitkunst“ verfeinerten sich gewisse Übungen also immer dann, wenn sie nicht mehr nur dem täglichen Gebrauch dienten: Die Meister der verschiedenen Disziplinen konnten ihre Künste nun unabhängig von Arbeitspflichten entwickeln und vorführen.

Und jetzt bekam auch ein Laienpublikum Einblick in die vielfältigen, teilweise akrobatisch wirkenden Fertigkeiten so dressierter Pferde, die bis heute in Galas bestaunt werden: Auch wenn man als Nichtkenner nicht unterscheiden kann, auf welcher „Hand“ ein Pferd gerade galoppiert, so kann man doch auch als naiver Zuschauer staunen, wenn „Kompliment“ und „Knien“, Steigen und Levade, Spanischer Gruß oder Spanischer Schritt vorgeführt werden, und kann sich an der Eleganz von Piaffe oder Passage erfreuen. Besonderes Staunen ruft meist das Hinlegen der Pferde hervor, weil auch der Nichtfachmann weiß, dass dies ein besonderes Vertrauen des Pferdes in seinen Dresseur voraussetzt – wir alle haben ja irgendwann mitbekommen, dass Tiere sich gerne absichern und sich nur ungern in eine wehrlose Lage begeben, wenn die Umgebung nicht gänzlich harmlos erscheint. Das gilt gerade für das „Fluchttier“ Pferd, das im Zweifelsfalle lieber davon stürmt als stehen zu bleiben und der Gefahr ins Auge zu sehen wie sein Verwandter, der Esel. Und so ahnen die Zuschauer, was für eine Vertrauensarbeit darin steckt, bis ein Pferd sich mitten in der Manege oder Reitbahn auf Kommando seines Trainers hinlegt!

Levade

Erst als das Pony die Levade gelernt hatte, fing es an sie zu nutzen, um an den zu hohen Futtertrog zu kommen und dem grossen Kumpel sein Fressen zu klauen.

Gezielte Methodik

Der dann gespendete Beifall ist also ganz berechtigt: Solche Lektionen einzustudieren, braucht jahrelange, eingehende Arbeit! Es ist keineswegs damit getan, das Pferd mit Zuckerstückchen zu den erwünschten Handlungen verleiten zu wollen, es bedarf gezielter Methodik. Denn auch wenn Zirkuslektionen sich aus dem natürlichen Verhaltensrepertoire ableiten, so heißt das ja nicht, dass Pferde Lust hätten, sie jetzt, und auf Drängen des Trainers auszuführen: Das Pferd wird gewöhnlich nicht einsehen wollen, warum es eine solche Gebärde liefern soll, wenn es dazu kein inneres Motiv spürt. Andererseits ist das recht banal: Wir alle, Mensch und Tier, haben Dinge zu tun, zu denen wir aktuell keine Lust haben, von denen wir aber letztendlich profitieren. Und so ist es keineswegs reiner Mutwille von Menschen, Tiere dazu bewegen zu wollen – auch Tiereltern nötigen ihre Nachkommen und Weggenossen dazu, wenn die Jugendreife oder äußere Umstände es erfordern.

Dem Neuling ist das in der Regel nicht geheuer, und er wird sich wehren, sich stur stellen oder das Weite suchen. Das ist dann jedoch keine Widersetzlichkeit, sondern erklärt sich nüchtern aus der Arbeit des Gehirns: So klein das Hirn als Organ ist, so unerwartet viel Energie verbraucht es (s. Teil 1) – beim Menschen bis zu einem Fünftel der Gesamtenergie! Und die Bildung neuer Nerven-Verknüpfungen beansprucht noch mehr Hirnleistung als die Routine. Gegen Energievergeudung aber wehrt sich die Natur, denn nur im Luxus gibt es genügend Nachschub, nicht in der Wildbahn. Und so haben menschliche wie tierliche Schüler erstmal ein ungutes, ablehnendes Gefühl, wenn sie Neues aufnehmen und verarbeiten sollen.

Die Kunst der Pädagogik

Zudem kennen sie ja den späteren Vorteil von Fitness, Geschicklichkeit und Attraktivität noch nicht; sie müssen erst daran heran geführt werden, bis die eigene Erfahrung sie für das Erworbene dankbar werden läßt. Dabei sind manche, schmerzlich erscheinende Barrieren zu überwinden, und wenn das nicht erzwungen, sondern angeleitet erfolgen soll, dann braucht es Beharrlichkeit und Stetigkeit des Trainers. Doch auch das ist „artgerecht“ – wer einmal im Zoo beobachtet hat, mit welcher Gelassenheit und Unbeirrbarkeit z. B. Orang-Utan-Mütter ihre quängelnden und pikierten Kinder auf den rechten Weg bringen, der weiß, dass es nicht autoritär ist, wenn man auch Pferde dazu erzieht, so lange man ihnen dabei nicht schadet. Es gilt eben allgemein in der Pädagogik, dass die Kunst darin besteht, den Schüler in Unbekanntes einzuführen ohne sein Eigenwesen zu brechen.

Vorbedingung dafür bleibt, dass es grundsätzlich durchführbar ist – Unmögliches darf nicht verlangt werden! Der Kursleiter muss sich davon überzeugen, dass seine Kandidaten die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Und das braucht entsprechende Erfahrung: Im Zirkuskurs lernt ja nicht nur das Pferd, sondern es wird auch der Halter zum Dresseur ausgebildet! Und wer noch nicht in dieser Weise gearbeitet hat, der vermag oft nicht abzuschätzen, welchen Leistungsstand sein Tier einbringt. All das muss anhand der Arbeit besprochen, und privat noch einmal nachgelesen werden – z. B. in unserem Buch „Pferde stärken mit Zirkuslektionen“.

Trainer machen dabei sogar die Erfahrung, dass die Hauptarbeit nicht die mit dem Pferd, sondern die mit dem Menschen ist! Denn mancher stellt sich ein solches Training zu einfach vor, so als seien Zirkuslektionen eine Art Spielerei, die man sich neben der „ernsthaften“ Dressurarbeit leistet. Sie sind dann überrascht, und vielleicht frustriert, wenn sich herausstellt, dass dafür voller Einsatz gebraucht wird.

Kleine Schritte führen zum Erfolg

Um so wichtiger ist es, kleine Schritte zu tun! Für Mensch und Tier ist es ermutigend und befriedigend, wenn ein Erfolg errungen wurde, und sei er noch so vorläufig. Es hat keinen Sinn, den Hausbau im Obergeschoss beginnen zu wollen, das kann nur zu Abstürzen führen! Und so fängt man mit grundlegenden Übungen an: Das Pferd muss aufmerksam und ruhig stehen und auf Anstoßen das jeweilige Bein heben. Das klingt nach wenig, ist jedoch bisweilen schwer genug zu erreichen; jedenfalls dann, wenn es sicher reproduzierbar werden soll. Und es ist die Grundlage dafür, in die ersten Lektionen wie „Kompliment“ und „Knien“ zu kommen.

Wir setzen diese Übungen an den Anfang, weil sie in der Natur dem Defensivverhalten von Pferden entstammen: Pferde ziehen im Rivalenkampf ihr Vorderbein unter sich, um es vor dem Biss des Gegners zu schützen. Und die Defensive brauchen wir, um unserem Vierbeiner klar zu machen, wer das Sagen hat, damit später, wenn wir Lektionen aus der Offensive (wie den Spanischen Gruß) einüben wollen, sichergestellt ist, dass die Dominanzverhältnisse von Trainer zu Pferd auch dann klar bleiben, wenn aggressiv getönte Bewegungsmuster, wie das Heben der Vorderbeine, abverlangt werden. Alles andere wäre gefährlich.

Das Kompliment

Das Kompliment

Die traditionellen Dressuren

Einige der bekanntesten zirzensischen Lektionen haben wir schon erwähnt; die traditionellen Dressuren seien hier aber noch einmal ergänzt zusammengefasst und in ihrem Erscheinungsbild erläutert.

Es sind:

  • Kompliment (Heruntergehen auf ein Carpalgelenk)
  • Knien (Heruntergehen auf beide Carpalgelenke)
  • Liegen aufrecht
  • Liegen seitlich
  • Sitzen (evtl. mit Heben einer Vorhand)
  • Die „Bergziege“ (Zusammengeführte Vor- und Hinterhand, evtl. auf einem Podest)
  • Spanischer Gruß (Heben einer Vorhand im Stand)
  • Spanischer Schritt (abwechselndes Heben der Vorhände mit Nachtreten der Hinterhand)
  • Piaffe (Trabähnliches Treten auf der Stelle)
  • Passage (Trab mit verlängerter Schwebephase und starker Aktion)
  • Levade (Heben der gesamten Vorhand bei Untertreten der Hinterhand im Stand)
  • Steigen (Aufrichtung des Pferdes auf die Hinterhand, evtl. mit Vorwärts- oder Rückwärtsgang)
  • Kapriole (Luftsprung aus der Piaffe mit Hinterhand-Ausschlagen in der Luft)
  • Croupade (Sprung aus der Levade heraus mit Anziehen der Hinterhand)
  • Courbette (2-5 maliges Springen aus der Levade ohne Senken der Vorhand)
  • Daneben gibt es noch beliebte und gut zu erlernende Kuriositäten wie das Kopfschütteln, das Zudecken und das Schüssel bringen.

Die „Bergziege“, das Zudecken, und die Lektionen der Hohen Schule über der Erde wie Kapriole, Croupade und Corbette haben wir nicht ins Kursprogramm aufgenommen, teils aus systematischen Überlegungen, die in unserem Buch erläutert werden, teils, weil sie die Möglichkeiten auch ambitionierter Amateure gewöhnlich überschreiten. Insgesamt ist es ohnehin besser, weniger anspruchsvolle Übungen sicher und gekonnt zu erreichen, als mit extremen Kunststücken halbfertig zu experimentieren. Das gilt besonders für die Ausführung unter dem Sattel, die schon bei der Piaffe und Passage erhebliches reiterliches Können verlangt, und im Falle der Luftsprünge die jahrelange, tägliche Arbeit sehr erfahrener Ausbilder unter speziellen äußeren Bedingungen voraussetzen. Zudem wurden sie teils aus künstlichen Gängen entwickelt und stehen damit außerhalb unseres Ansatzes, der ja auf dem natürlichen Bewegungsrepertoire aufbaut.

Das Steigen

Das Steigen am langen Zügel

Das Ausbildungsziel

Denn unser Ziel ist nicht nur die Showdarbietung, sondern auch der Einsatz zirzensischer Lektionen  für gymnastische Zwecke, als Hilfe bei der Rehabilitation nach Krankheiten oder Operationen, und zur vertieften Kommunikation zwischen Mensch und Pferd.

Über diese Anwendungsbereiche informiert der vierte und letzte Teil dieser Beitragsreihe.

 

Pferde stärken mit Zirkuslektionen

 

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