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Pferde stärken mit Zirkuslektionen: Dressur (1/4)

Teil 1 - Dressur


Autoren: Dr. med. Wolf ´Philipp´ Reuber beschäftigte sich als Arzt, Anthropologe und Sachbuchautor viele Jahre mit Stressforschung. Er ist überdies Kunstmaler. Dr. med. vet. Kerstin Reuber behandelt als Tierärztin und geprüfte Tierphysiotherapeutin im Berchtesgadener Land Pferde und andere Großtiere. Sie reitet einen andalusischen Hispano-Araber-Wallach und trainiert ihren Shetlandponyhengst in Zirkuslektionen und an der Kutsche. Wolfgang Hellmayr ist international gefragter Showreiter (aktuell im ungarischen Staatszirkus) und Pferdeausbilder auf seiner eigenen Anlage in Stadl-Paura, Österreich. Er gibt zirzensische Kurse im In- und Ausland.


Zirkus – damit meint man gewöhnlich Artistik mit eingestreuten Clownerien und Tierdressur. Bei Pferden kennt man vor allem typische Kunststücke wie „Kompliment“, Knien, Liegen, Sitzen, spanischen Gruß und spanischen Schritt, aber auch Piaffe, Passage, Levade und Steigen, die man den Vierbeinern auf Kommando für die Manege andressiert hat.

Kultiviertes Steigen

Kultiviertes Steigen

 

Doch was ist eigentlich „Dressur“?

Machen Dressursport und Horsegalas, Hofreitschulen und Hengstparaden, Rückepferd und Trabrennen, Reining und Ponyexpress im Grunde das Gleiche: Abrichtung von Pferden für Arbeit oder Auftritte? Und wenn - warum sehen dann seriöse Dressurreiter auf Zirkusdarbietungen herab; warum gibt es reiterliche „Schulen“, die einander gegenseitig kritisieren – warum, wenn alle letztlich dasselbe tun?

Ein Grund dafür ist, dass eigentlich niemand genau sagen kann, wie Dressur genau funktioniert. Das meiste, was darüber verbreitet wird, entstammt nicht systematisch geprüftem Wissen, sondern Überlieferungen und Erfahrungen, Anekdoten und eigenwilligen Vorstellungen. Zwar sind Pferde eine der am längsten domestizierten Tierarten, und es gibt ausgefeilte Anleitungen zum Umgang mit ihnen schon seit Xenophon (426 – 355 v. Chr.), doch bildet sich erst heute, im 21. Jahrhundert, eine spezielle Pferdewissenschaft heraus, die der Frage nachgeht, wieso sich gerade dieses Tier so besonders gut anleiten und ausbilden läßt: Was passiert in einem Pferdegehirn, wenn wir ihm „Lektionen“ beibringen? Exerzitien, die wir Menschen nach unseren Wünschen und Vorstellungen, Impulsen und Phantasien, also nach unseren Ansprüchen entworfen haben. Und wie bringen wir diese Entwürfe und Vorstellungen rüber in eine andere biologische Art?

Was passiert beim Dressieren?

Was geht da faktisch vor, wenn wir ein Pferd „dressieren“ oder „trainieren?“

Tatsächlich weiß das niemand. Denn um dies zu durchschauen, müssten wir zuvor wissen, was Lernen ist: Was tun Geist und Gehirn, Muskeln, Knochen, Bindegewebe, Hormone, Stoffwechsel usw., wenn der Organismus eine neue Fähigkeit erwirbt und einübt? Darüber weiß man trotz mehr als 100 Jahren Hirnforschung immer noch wenig – schon gar bei Pferden, deren spezifische Gehirnarbeit bislang kaum untersucht ist.

Allerdings glaubte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Grundprinzip des Lernens entdeckt zu haben: Nach Versuchen, die der russische Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow (Nobelpreis 1904) an Hunden durchgeführt hatte, meinte man, dass das Lernen ein „bedingter Reflex“ sei: Präsentiert man einem Tier nicht nur bedürfnisbefriedigende Reizangebote wie Futter oder Wasser, sondern jedesmal zugleich auch neutrale Reize - zum Beispiel einen Glockenton -, dann lernt das Tier rasch, beides miteinander zu verbinden und reagiert später auch dann mit Speichelfluss, wenn nur die Glocke allein ertönt (obgleich es Glockentöne ja nicht essen kann). Das Tier hat hier gelernt: Glockenklang zeigt Nahrung an!

Zuckerbrot und Peitsche

Wenig später fand man darüber hinaus, dass wiederholte Erfolge solcher Lernschritte, also die Belohnung bei „richtigem“ Verhalten, diesen Lernvorgang beschleunigen und vertiefen konnten. Man sprach nun von „Lernen am Erfolg“ oder von „Konditionierung“; wobei es die Psychologen damals wenig interessierte, was da genau im Gehirn vorgeht – sie betrachteten es als „Black Box“, als schwarzen Kasten, von dessen innerer Arbeit für sie nur „Input“ und „Output“ zählten – also das, was herauskommt, wenn man bestimmte Reize einfüttert. Und noch heute dressiert man z. B. Versuchstiere in automatisierten Spezialkäfigen (Skinner-Box) so auf gewünschte Verhaltensweisen: Das Verlangte wird belohnt (meist durch Futter), das Unerwünschte hingegen nicht, oder es wird bestraft (z. B. durch Stromschläge) – „Zuckerbrot und Peitsche“ gewissermaßen.

Das neue Verfahren funktionierte derart prompt, dass in den 1940er Jahren eine regelrechte Euphorie entstand: Alles schien lernbar, wenn man es nur richtig konditionierte. Und so brach in Vergnügungsparks, Kinos, Manegen und Werbeindustrie ein Boom an Shows mit dressierten Tieren aus – stepptanzende Hühner, staubsaugende Schweine, fußballspielende Truthähne und dergleichen – einige Psychologen hatten sich sogar darauf spezialisiert, Tiere für solche Auftritte abzurichten.

Zurück zum Ursprungsverhalten

Nur wenige von ihnen machten sich die Mühe nachzuforschen, ob dieser Lernerfolg auch dauerhaft sein würde. Doch jene, die ihre Tiere langfristig weiter beobachteten, erlebten eine Überraschung: Tiere, die nach allen Regeln der Kunst darauf konditioniert waren, irgend etwas Ausgefallenes zu tun, drifteten nach einiger Zeit zurück in ihr natürliches Ursprungsverhalten (Breland 1961). Und noch schlimmer: Sie widersetzten sich ab da jedem weiteren Trainingsversuch.

Für Zoologen war das freilich weniger überraschend: Biologische Verhaltensforscher hatten schon Pawlows Experimentalergebnisse für zu vereinfacht gehalten und Zweifel an der Alleingültigkeit der neuen Lernformeln angemeldet. Denn sie wussten aus Zoo- und Freilandbeobachtungen, dass Tiere auch angeborene, arteigene Verhaltensmuster mitbringen, die nicht „konditioniert“ sein konnten: Kleine Wasserschildkröten schlüpfen z. B. alle gleichzeitig aus ihren, von den Eltern im Sand vergrabenen Eiern und streben zielsicher und unbeirrbar dem Meer zu – ohne Vorbild, da sie ihren Erzeugern nie begegnet sind! Umgekehrt lernen es z. B. armenische Bergziegen nie, den Donner von Sprengungen in ihrer Region vom Gewitterdonner zu unterscheiden: Trotz unzähliger Misserfolge flüchten sie jedesmal wieder ins „Trockene“. Hier und in ähnlichen Fällen versagte also die Theorie vom Lernen am Erfolg.

Überdies können viele Tiere gewisse „Kunststücke“ auf Anhieb: Seelöwen balancieren Bälle auf ihrer Nasenspitze ganz ohne vorheriges Training, Jungvögel lernen auch nach beengter Dunkelaufzucht zum natürlichen Zeitpunkt fliegen usw. Hier zeigen sich anlagebedingte „instinktive“ Fähigkeiten, die nicht durch Konditionierung gelernt zu werden brauchen. Und schließlich sind ja auch die von Pawlow und den Verhaltenspsychologen genutzten Bedürfnisse wie Fresslust oder Wassersuche natürliche Verhaltensoptionen, die man dort nur mit künstlichen Markern in Verbindung brachte, um eine Dressur zu erreichen.

Mitgebrachte, arteigene Grundlagen

Der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz (Nobelpreis 1973) nannte solche natürlichen Anlagen „angeborene Lehrmeister“, also mitgebrachte, arteigene Grundlagen dafür, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Anlagen sind indes nicht nur zwischen den verschiedenen Arten ungleich verteilt, sie sind auch individuell unterschiedlich ausgeprägt: So ist nicht jedes Pferd gleich „begabt“ für jede Dressur. Das ergibt sich nicht zuletzt aus Rassemerkmalen, individuellem Körperbau, Trainingszustand, Geschlecht, Alter, Haltungs- und Aufzuchtbedingungen, Erfahrungen und Eigenheiten.

Und so bildete sich innerhalb der Verhaltensforschung (Ethologie) bald ein Zweig heraus, der sich mit den körperlichen Bedingungen für das Lernen befasste - die Verhaltensphysiologie. Dort fragte man, ob die betreffenden Tiere die geforderten Lernziele von ihrer Natur her überhaupt erreichen konnten – man wird ja einer Katze nun mal nicht das Fliegen beibringen können!

Pferde sehen anders als Menschen

Pferde sehen anders als Menschen

Und man stellte bald fest, dass es äußerst schwer ist, das arteigene Naturell von Tieren zu verstehen, deren Möglichkeiten unseren menschlichen ganz fremd sind: Vögel sehen Infrarot und Ultraviolett, Fische schmecken im Seitenlinienorgan winzigste Molekülkonzentrationen, Hunde riechen feinste Düfte, Elefanten hören Infraschall und so weiter, und all das bleibt nicht ohne Auswirkung auf ihr typisches Verhalten. Ebenso hat es Einfluss darauf, ob Tiere tag- oder nachtaktiv sind: Erst seitdem Nachtsichtgeräte zur Verfügung standen, fand man z. B. heraus, dass die scheinbar „faulen“ Löwen nachtaktive Jäger sind (was für sie den doppelten Vorteil der Dunkelheit und der nächtlichen Kühle hat). Und so verschwanden durch die Arbeit der Verhaltensphysiologen viele Vorurteile über tierliches Leben, die eine vermenschlichende Tierdarstellung jahrhundertelang in die Köpfe gepflanzt hatte (wo sie leider vielfach trotzdem noch bis heute spuken).

Von Pferden wissen wir indes noch immer recht wenig!

Denn Pferde sind schwer im Wildverhalten zu beobachten, da es nur wenig Gelegenheit dazu gibt: Mustangs in den USA, Camargue-Pferde in Südfrankreich, Dülmener Pferde in Norddeutschland, verwilderte Hauspferde an der Krim und in Namibia, halbwilde iranische Caspian-Urponys im englischen Exil, und seit wenigen Jahren auch nachgezüchtete Przewalsky-Pferde in der Mongolei, die sich in weitläufigen Gebieten tummeln und nach kurzer Auswilderungszeit niemand mehr nahe an sich heran lassen, sodass es kaum möglich ist, z. B. über Blutproben etwas über ihren Körperzustand zu erfahren.

Zwar werden domestizierte Pferde auf Koppeln und Weiden beobachtet und in Experimenten untersucht, doch muss man dabei im Sinn behalten, dass dies künstliche Bedingungen sind und man es mit hochgezüchteten Rassen zu tun hat, die auf den Bedarf des Menschen hin selektiert wurden! Was man bei ihnen beobachtet, muss also nicht typisch für die Tierart Equus caballus als solche sein.

Immerhin kann man Gemeinsamkeiten feststellen, die man in allen Pferderassen wiederfindet, und die einen ersten Anhalt dafür liefern, was diese Tiere grundsätzlich kennzeichnet.

Für die Dressur ist dabei am wichtigsten, wo die Auffassungs- und Leistungsgrenzen liegen: Um zu vermeiden, dass falsche Anforderungen das Pferd irgendwann widersetzlich machen, wie man es bei den ausgefallenen Kunststückchen erlebte, muss man wenigstens in groben Zügen wissen, wie Pferde sich natürlicherweise verhalten, und was sie körperlich wie mental grundsätzlich verarbeiten können ohne Schaden zu nehmen oder zu leiden. In dieser Hinsicht gibt es gerade in den letzten Jahren erfreuliche Bestrebungen, pferdegerechte Ausbildungsansätze zu fördern und Fehlanforderungen auszumerzen. Dazu bedarf es jedoch einer Umstellung der Herangehensweise:

Es kann künftig nicht mehr ausreichen, formal reiten, kutschieren oder Arbeitspferde lenken zu lernen, man muss fordern, dass hinfort jeder, der mit Pferden umgeht, ein Grundwissen über die Pferdenatur, den Körperbau, die Empfindlichkeit und die Leistungsgrenzen der ihm anvertrauten Kreatur erwirbt!

Arbeitspferde im Einsatz

Arbeitspferde im Einsatz

In diesem Zusammenhang wird von engagierten Tierschützern sogar verlangt, man solle Tierdressuren gänzlich aus dem Zirkus und Sport verbannen, weil sie niemals artgerecht sein könnten und die Tiere entwürdigten. Und leider geben manche schlimmen Vorkommnisse in kleinen Zirkussen oder auf Turnieren auch Anlass zur Kritik. Gleichwohl liegt in dieser Kritik an anderer Stelle ein vermenschlichender Irrtum, der den Tieren ebensowenig gerecht wird wie einstmals „Brehms Tierleben“: Die Kunststücke, die von Tieren in der Arena oder im Viereck vorgeführt werden, kann man nicht mit den extremen Leistungen vergleichen, die menschliche Artisten zeigen!

Denn Artisten führen uns quasi „Übermenschliches“ vor, das sie sich selber abverlangen und dessen Risiken sie sich voll bewusst sind. Auch Clownerien sind absichtliche Lächerlichkeiten, zu denen der Spaßmacher nicht gezwungen wird - und die man mit Tieren auf Dauer auch nicht machen könnte: Wie man an den oben erwähnten Langzeitbeobachtungen abgerichteter Tiere sah, sind nur solche Dressuren langfristig erfolgreich, die ein artgemäßes, natürliches Verhaltensschema aufgreifen und entwickeln, wohingegen aufgenötigte, naturfremde Kuriositäten allenfalls für begrenzte Zeit befolgt werden, bis das Tier „sauer“ wird und sich aller Dressur widersetzt. Dies aber könnte sich ein Zirkus nicht leisten, dessen Tiere sein Kapital bilden.

Hätten die Wissenschaftler erfahrene Dompteure befragt, bevor sie aus theoretischen Erwägungen heraus voreilige Verallgemeinerungen über das Lernverhalten verbreiteten, dann hätten sie von ihnen hören können, dass dies den Profis bekannt war: Zirkustiere sind teuer in Anschaffung und Haltung, und so legte man früh sein Augenmerk darauf, nur geeignete Kandidaten auszuwählen und sie behutsam an die Dressur heran zu führen.

Gewohnheitstiere

Bei gefährlichen Arten wie Löwen oder Tigern ist das sogar eine Lebensnotwendigkeit für den Dresseur: Er könnte nicht riskieren, von seinen Schützlingen als Feind empfunden zu werden. Und so entwickelte sich aus jahrzehntelanger genauer Beobachtung heraus eine Idee davon, was die verschiedenen Tierspezies brauchen, um sich angstfrei und sicher zu fühlen, dabei jedoch den Respekt vor den Menschen zu behalten. Aus eingehenden Untersuchungen (Hediger 1961) erfuhr man zum Beispiel, dass Raubkatzen sich Rückzugsplätze suchen, auf denen sie sich nicht bedroht fühlen. Lockt man sie von dort weg, dann am besten zu einer „Filiale“ - einem Sicherheitshort zweiter Ordnung (z. B. einem Podest oder einem bestimmten Platz in der Gruppe). Auch Pferde beanspruchen in Freiheit und in Stallungen gewisse Reviere und Rangplätze, und geraten in Stress, wenn sie sich dort bedroht fühlen: Sie sind, wie der Volksmund treffend sagt, „Gewohnheitstiere“.

Was aber ist eigentlich „Gewöhnung“?

Auch diese Frage ist wissenschaftlich erst im Ansatz erforscht: Es scheint so zu sein, dass wiederholte Ereignisse und Erlebnisse im Gehirn baldmöglichst zur Routine abgelegt werden, denn das Hirn ist der energieraubenste Körperteil, und die lebendige Natur strebt allgemein danach, mit Energie sparsam umzugehen, weil es in der freien Wildbahn selten Nahrung im Überfluss gibt. Neuigkeiten stellen für das Gehirn insofern eine Art „Notfall“ dar, weil sie energieaufwändig integriert werden müssen. Den relativ geringsten Aufwand bedeutet es, wenn etwas bereits Vertrautes mit dem Neuen in Einklang gebracht werden kann – so erzielt man am raschesten Routine, die wesentlich weniger Energie verlangt, weil bereits gebahnte Hirnpfade genutzt werden können. Gänzlich Unbekanntes wird hingegen vom Stressgedächtnis aufgenommen und darin gespeichert – einer Extraschiene des zentralen Nervensystems, die nach allem, was man bislang darüber weiß, unlöschbare Gedächtnisspuren hinterlässt – „gebranntes Kind scheut das Feuer!“

Das sichere Grundgefühl

Wer so etwas in der Dressurarbeit vermeiden will, der darf sein Pferd also nicht mit gänzlich Fremdem konfrontieren ohne wenigstens eine beruhigende Hilfestellung dadurch zu geben, dass vertraute Zärtlichkeiten, die bekannte Stimme oder ein gewohnter Stallgeruch etc. damit einhergehen, die es dem Tier erlauben, sich an das Ungewohnte aus einem sicheren Grundgefühl heran zu tasten. Das Stressgedächtnis gezielt nutzen darf man allenfalls, um dem Tier Respekt vor echt bedrohlichen Situationen zu vermitteln – man muss dann allerdings damit rechnen, dass es davor immer scheuen wird – ein „bisschen Angst machen“ gibt es da nicht!

In der freien Natur vermeiden es Tiere, bedrohlichen Orten oder Situationen zweimal zu begegnen, weshalb sie sich nicht daran anpassen (Hassenstein 1980). In der Stallhaltung sind sie hingegen häufig dazu gezwungen. Und reagieren recht unterschiedlich darauf: Manche gewöhnen sich schließlich doch an das Gefürchtete, andere umgehen es jedesmal wieder so gut es geht. Und nicht selten hängt es von der Tagesform ab, ob sich ein Pferd darüber aufregt oder nicht: Wie man auch vom Menschen weiß, macht Hintergrundstress „dünnhäutiger“ für unangenehme Erlebnisse - man reagiert dann allgemein empfindlicher als gewohnt.

Grundstress und seine Ursachen

Das scheint bei Pferden ähnlich zu sein – man beobachtet immer wieder, dass sie heute etwas erregt, was sie gestern noch kalt ließ. Dahinter kann dann ein Grundstress stecken, der nicht immer etwas Furchterregendes sein muss, sondern auch aus Monotonie heraus entstehen kann: Mangel an Anregung, Bewegung oder Bedürfnisbefriedigung (Hengste!) kann stressen ohne dass etwas Bedrohliches geschieht! Allerdings ist es für uns Menschen schwer nachzuvollziehen, welche Bedürfnisse oder Abneigungen hier jeweils wirksam sind, denn Pferde riechen mehr und anderes als wir, ihr Seh- und Gehörsinn ist anders, sie spüren anderes und bewerten es anders als wir (Einzelheiten dazu finden sich in unserem Buch „„Pferde stärken mit Zirkuslektionen").

Pferde riechen anders als Menschen

Pferde riechen anders als Menschen

 

Pferdegerechte Dressur?

Doch woher will man nun wissen, welche Dressuren „pferdegerecht“ sind und welche nicht?

Auf der sicheren Seite ist man am ehesten, wenn man natürliche Anlagen zum Ausgangspunkt wählt, und sie gezielt so entwickelt, dass sie später auf Kommando abgerufen werden können. Man weiß dann wenigstens, dass die Körperkraft dafür ausreicht, und dass diese Bewegungsmuster dem Tier bereits vertraut sind, weil es sie auch spontan zeigt: Aus dem Nachgeben im Carpalgelenk bei Rangeleien wird so das „Kompliment“ in der Manege, Hinlegen und Sitzen beobachtet man schon in der Box, den „spanischen Gruß“, das ausgestreckte Vorderbein, sieht man als Imponiergebärde in Herden usw.

Sicher nicht artgerecht ist hingegen das Reiten als solches! Denn Pferde sind nicht so gebaut, dass sie ohne weiteres eine Last auf ihrem Rücken tragen können. Man muss sie erst einem gezielten Training unterziehen, durch das sie lernen, ihren Rücken mithilfe der Bauchmuskulatur und des Nacken-Rückenbandes aufzuwölben und dabei die Balance zu halten, wozu auch eine veränderte Muskulatur ausgebildet werden muss. Bei großen Pferden ist das durch sorgfältig aufgebaute reiterliche Übungen erreichbar, bei kleinen Ponys hingegen nicht, weil man kaum entsprechend kleine Reiter finden wird, die zugleich imstande sind, das Pferdchen gezielt zu trainieren.

Hier, aber auch bei den Großen bietet sich die Arbeit ohne Reiter vom Boden aus an. Und um diese Bodenarbeit nicht stumpfsinnig werden zu lassen (tagaus, tagein nur Longenzirkel), kann man mit Zirkuslektionen beginnen, die dem Alter und dem Körperzustand des Pferdes angemessen sind.

Körperliche und mentale Fitness

So wendet sich das Blatt: Was zunächst als künstliche Artistik erschien und Tierschützer auf den Plan rief, erweist sich jetzt als das genaue Gegenteil – als tiergerechte, abwechslungsreiche Ausbildung zur körperlichen und mentalen Fitness!

Denn gerade Pferde wollen sich vielgestaltig bewegen, wollen angeregt sein, wollen imponieren – man sieht es in jeder freien Herde. Freilich kommt es in der Wildbahn nicht selten zu erheblichen Verletzungen, ja Verstümmelungen; sei es durch Rangordnungskämpfe, sei es durch Unfälle. In dieser Hinsicht geht es domestizierten Pferden besser, sofern angemessen für sie gesorgt wird – auch wenn sie unter künstlichen Bedingungen und Anforderungen leben. Man muss hier nur einen Kompromiss aus natürlichen Anlagen und Bedürfnissen auf der einen Seite, und den Unvermeidlichkeiten der Stallhaltung auf der anderen Seite finden.

Und da zeigt sich paradoxerweise, dass ausgerechnet die Zirkuslektionen sich als geeigneter Weg dafür anbieten, weil sie natürliche Strebungen der Pferde in kultivierte Bahnen lenken: Das Tier darf hier seinen Impulsen folgen, wenn auch auf Abruf!

Auf den Zahn gefühlt

Sozialkontakte sind wichtig

Und wer bislang meinte, zirzensische Lektionen seien künstlicher und artfremder als die „klassische“ Dressur im Pferdesport nach den Regelwerken der nationalen und internationalen Fachverbände, der wird sich bei näherer Betrachtung eingestehen müssen, dass es weit artfremder ist, ein Pferd zwar unversehrt von Koppelrangeleien, doch dafür 23 Stunden täglich in der Box stehen zu lassen, um es dann für eine Stunde zu Höchstleistungen anzustacheln: Wo bleibt bei solcher Haltung der Sozialkontakt, wo der gymnastische Ausgleich, wo die mentale Abwechslung, wo bleiben Spiel und Lebensfreude des Tieres? Seine Sinne müssen geradezu durch Monotonie abstumpfen, seine einseitige Belastung sich in steifen Gängen widerspiegeln, seine mangelnde Umwelterfahrung sich in Ängstlichkeit zeigen, seine Einseitigkeit in Marotten niederschlagen! Und wird es dann noch dafür gestraft, bleibt ihm nichts als abzuschalten, „seinen Geist aufzugeben“. Man hat dann ein scheinbar „gehorsames“, aber stumpfsinniges Pferd ohne inneren Impuls, das unbeteiligt abspult, was man von ihm verlangt, in der Hoffnung, dies möge bald vorbei sein und es könne seine Tage weiter in der Box verdämmern.

Immer wieder beobachten wir, dass Zirkuslektionen bei solch einem Pferd die Lebensgeister wecken: Wie aus einem inneren Nebel tauchen pferdliche Regungen wieder auf und machen sich, zunächst zaghaft, später immer deutlicher Luft. Nur muss man hier genau wissen, was man tut: Das Tier darf auf keinen Fall später für das gestraft werden, was wir jetzt in ihm aktivieren! Der Eigner sollte es also selber dressieren, und auch im Falle eines Verkaufs sicher stellen, dass der Nachfolger darüber Bescheid weiß! Und er muss sich dessen bewusst sein, dass er es hinfort mit einem viel lebendigeren Pferd zu tun haben wird, als er es vielleicht aus der gewohnten Stallroutine her kannte.

Kurz: Man muss die Bedingungen kennen, unter denen Zirkuslektionen fruchtbar für Mensch und Tier einstudiert werden können.

Von diesen Bedingungen wird deshalb in der nächsten Folge die Rede sein.

Pferde stärken mit Zirkuslektionen

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