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Neues Bewusstsein in der Reitkunst

Alte Meister versus neues Bewusstsein

Neues Bewusstsein in der Reitkunst

Autorin: Manuela Tuena, Reitkunst & Qigong

Muss ein Pferd zum Tanz und zur Gymnastizierung bezwungen und gezwungen werden? Oder beantwortet es uns die Aufforderung zum Tanz mit Selbständigkeit und Würde, wenn wir sie ihm anbieten?

Der Gehorsam des Pferdes gegen die Hilfen ist das Resultat der Furcht, die es vor den Schmerzen hat, welche ihm der Reiter im Falle des Ungehorsams durch seine Strafen bereiten würde. 

Antiker Sporn

Indem es vor dem Sporn flieht, nimmt es auf den leisesten, kaum sichtbaren Druck des Schenkels die künstlichen Stellungen und Biegungen seines Körpers an, und folgt dem feinsten Druck eines Fingers der Reiterhand willig in den schwierigsten Wendungen, weil es den beim Ungehorsam eintretenden schmerzhaften Druck des Gebisses fürchtet.

Aus „Das Gymnasium des Pferdes“ von Gustav Steinbrecht, CADMOS Verlag 2001

Worin liegt da die Kunst?

Vor 16 Jahren, im Jahr 2003, habe ich mich erwartungsvoll auf eine erste Reise begeben mit der Neugierde, die klassische Reitkunst zu suchen. Wer lebt und praktiziert wahre Reitkunst? Wo finde ich sie?

Meine Studienreise begann mit einem halbjährigen Praktikum in Dänemark bei Bent Branderup, dessen Passion es ist, die alten Meister zu studieren und zu überarbeiten. Anschliessend drängten mich meine inneren Fragen dazu, weiter zu suchen. Es folgte eine siebenmonatige Reise quer durch Europa. Ich wollte sehen, lernen, entdecken. Andere Kulturen, andere Pferderassen und vor allem von dieser anmutigen Kunst berührt werden. (Mehr zu dieser Reise hier)

Meine Reisen

Es war ein unvergessliches und sehr lehrreiches Abenteuer mit vielen herzlichen Begegnungen. Die Reitkunst jedoch, so wie ich sie mir wünschte, fand ich nicht wirklich. Etwas fehlte. Ich forschte weiter, mit meinen Pferden, im Unterrichten, begegnete vielen Pferden und ihren ReiterInnen. Ich reiste weiter nach Kalifornien und Brasilien, besuchte berühmte Reitmeister, suchte vor allem auch die Weiblichkeit in dieser edlen Kunst. Die Sinnlichkeit und Verspieltheit.

Ich studierte viele Bücher.

Was fehlte mir in der Reitkunst?

Ich erinnerte mich kürzlich bei einem Austausch mit einem Kollegen an eine essentielle Erkenntnis, die ich hatte, als ich das klassische Werk von Gustav Steinbrecht „Das Gymnasium der Pferdes“ zu lesen begann. Auf den ersten Seiten seines Buches steht folgendes geschrieben:

Die Hilfen:Textausschnitt

Kapitel A. Sitz und Einwirkung des Reiters. Seite 9:

Das junge Pferd muss die Art der Verständigung erst erlernen und mit den Hilfen bekanntgemacht werden, bevor man von ihm Gehorsam fordern kann. Seine Folgsamkeit auf die Hilfen beruht daher hauptsächlich auf systematischer Gewöhnung; indem es sie mit zunehmender Übung mehr und mehr beachten lernt, fügt es sich ihrem Zwange und gelangt so bei richtiger Behandlung allmählich zum willigen Gehorsam. Widersetzlichkeiten werden so zu den Ausnahmen gehören. Dabei sit auch zu beachten, dass der Widerstand, den ein Pferd den Hilfen des Reiters entgegensetzt, zumeist seinen Grund in Empfindlichkeit oder Furcht hat, die durch harte Hilfen noch gesteigert werden. Daher müssen die Anforderungen anfangs nur mässig sein und alle Veranlassungen, die Widersetzlichkeiten herbeiführen könnten, so lange vermieden werden, bis die Unterordnung des Pferdes unter den Willen des Reiters gleichsam selbstverständlich geworden ist.

Unter Hilfen versteht man die Einwirkungen des Reiters auf sein Pferd, durch die er ihm seinen Willen zu erkennen gibt. Sie sind also gleichsam die Sprache, durch die er sich mit ihm verständigt. Wenn der Gehorsam des Pferdes auf die Hilfen schliesslich das Ergebnis des Respekts ist, die es vor den schmerzhaften Einwirkungen hat, die ihm der Reiter im Falle des Ungehorsams durch Strafmittel bereitet, so darf daraus doch nicht der Schluss gezogen werden, dass kräftige Hilfengebung den Gehorsam verbürgt. 

Textausschnitt vorantreibende Hilfen

Je nach der Stärke der Einwirkungen unterscheiden wir feinere und stärkere Hilfen, steigern sich aber diese bis zur Erzeugung von Schmerz, so hören sie auf, Hilfen zu sein und werden zu Strafen. Es ist fast unglaublich, wie empfänglich das vollkommen durchgebildete Pferd schliesslich für feine Hilfen wird, so dass es dem Laien wunderbar erscheint, wenn solches Pferd unter seinem geschickten Reiter ohne irgendeine wahrnehmbare Hilfe mit grösster Energie und Genauigkeit arbeitet, gleichsam als ob das Tier seine Gedanken erraten könnte. Indem es beim geringsten Widerstreben den mahnenden Sporn beachtet, nimmt es auf den leisesten, kaum sichtbaren Druck des Schenkels die künstlichsten Stellungen und Biegungen seines Körpers an und folgt dem feinsten Druck eines Fingers der Reiterhand willig in den schwierigsten Wendungen.

Man teilt die Hilfen ein in: vortreibende, verhaltende und unterstützende Hilfen.

a) Die vortreibenden Hilfen

Unter den vortreibenden Hilfen sind diejenigen die wichtigsten, die der Reiter mit dem Unterschenkel auszuüben vermag, weil es die wirksamsten und natürlichsten sind. Denn wir können beobachten, wie der Bauer mit baumelnden Beinen sein Pferd in Gang hält und dessen Rippen mit dem Hacken bearbeitet, um es in eine shcnellere Gangart zu versetzen. Die Hilfen mit dem Unterschenkel zerfallen wiederum in solche mit den Sporen, den Waden und den Knien.

Die richtige und gründliche Arbeit mit den Sporen ist der einzige Weg, ein Pferd durch und durch biegsam und tätig zu machen. Ohne unbedingten Gehorsam auf den Sporn ist es nicht möglich, die Haltung des Pferdes zu bestimmen, seinen Schwerpunkt nach Belieben zu verlegen, ihm Richtung und Takt seiner Bewegung vorzuschreiben. Dies alles hängt von der Tätigkeit der Hinterbeine ab, ob diese die Gewichtsmasse mehr schiebend vorwärts bewegen oder sie mehr federnd tragen. Von den Hinterbeinen geht jede Vorwärtsbewegung aus, und sie wirklich zu beherrschen, vermag nur der Sporn. Wenn einzelne Pferde aus Kitzeln den Sporn niemals annehmen und dennoch, mit Hilfe der Peitsche gearbeitet, auch bei unbespornten Hacken nachher ihre Schulen gehen, so ist dies noch kein Beweis gegen die Unentbehrlichkeit des Sporns, da der Gehorsam solcher Pferde, trotz all ihrer Empfindlichkeit gegen den Schenkel doch sehr fraglich sein wird, sobald die grosse Bahnpeitsche nicht als drohendes Gespenst in der Nähe ist.

Ein auf die Sporen ganz gehorsames Pferd geht auf den gleichmässigen Druck beider Schenkel vorwärts. Wird es durch die Hand gleichzeitig daran gehindert, so versammelt es sich, tritt also mit den Hinterbeinen mehr vor, und je mehr es dies tut, um so stärker belastet es sie, was dann biegend auf deren Gelenke wirkt und "auf die Hanke setzen" genannt wird. Wirkt ein Schenkel stärker als der andere, so weicht es jenem und nimmt eine Seitenstellung an, wird es aber hieran durch Gegenwirkung des anderen Schenkels gehindert, so biegt es sich in den Rippen und ist dadurch zu den schwierigsten Wendungen befähigt. - Dieser Gehorsam ist das Ergebnis der früheren Einwirkungen der Sporen während der Dressur, und die Furcht vor Wiederholung dieser Einwirkungen erhält es stets aufmerksam und willig.

Sehr eindrücklich beschrieben. Dem Text entsprechend waren die Hilfen die Sprache, durch die der Reiter dem Pferd seinen Willen zu erkennen gab. Und diese Sprache basierte auf der Furcht vor der Strafe und dem Schmerz, sollte das Pferd nicht willig reagieren. Eine äusserst einseitige Kommunikation!

Das Fundament der klassischen Reitkunst forderte den absoluten Gehorsam des Pferdes, der auf dieser Furcht beruhte! Genau da drückte mich der Schuh. Diese Textausschnitte sprechen für sich.

Mitdenken war nicht erwünscht.

Möglichst sensibel reagieren, Geist und Körper des Pferdes in höchster Anspannung und Konzentration, denn das Pferd wusste ganz genau, am besten es reagierte auf die kleinste Regung seines Reiters, am besten schon auf seine Gedanken, denn sonst gab es schmerzhafte Strafen.

Wenn die Sensibilität, die Motivation, der Vorwärtsdrang, die Energie, die Wachheit und Präsenz, die Feinheit auf die Hilfen etc. - all das, was die klassische Reitkunst so anmutig machen soll - wenn all das auf diesem Fundament der Furcht begründet ist, dann geht dieses Ausbildungssystem nicht mehr auf, wenn ich die Furcht durch Vertrauen und Verständnis, Mitdenken und Zusammenarbeit ersetze. Denn - mitdenken und verstehen (ohne Angst! im Vertrauen) beinhalten eine ganz andere Qualität und Energie, ein ganz anderes Zusammenspiel von Geist, Nervensystem und Körper. Das Ausbilden eines intelligenten Lebewesen steht im Vordergrund und nicht mehr das sofortige und präzise Gehorchen und die Unterdrückung des Pferdes unter den Willen des Reiters. Es ist an der Zeit, die Reitkunst in einem neuen Bewusstsein auf einem grundsätzlich anderen Fundament aufzubauen.

Die alten Meister hatten sowohl einen sehr präzisen Umgang mit der Reittechnik und scharfen Hilfsmitteln, wie auch eine geschickte Kombination aus Feingefühl und Strafe. Sehr klar wird dies auch im folgenden Abschnitt am Beispiel der Anwendung des Spornstosses beschrieben (wir sind noch immer bei der Grundlage der Hilfengebung! Seite 12 in Steinbrecht’s Werk):

Spornstoss
Der Spornstoss

Der Spornstoss ist die stärkste und nachdrücklichste Einwirkung mit dem Sporn. Er verursacht dem Pferde augenblicklich heftigen Schmerz und erregt ausserdem durch die Verletzung der Haut Entzündung und Anschwellung der getroffenen Teile, wodurch deren Empflindlichkeit auf längere Zeit sehr gesteigert wird. Ich spreche natürlich von einem Sporn, der diesen Namen wirklich verdient, und mit einem 5-6zackigen starken Rade versehen ist. Räder mit vielen feinen und zu spitzen Zacken taugen nichts, da sie verletzen, ohne Blutungen zu erzeugen, und deshalb leicht unangenehme Geschwülste veranlassen.

Phlegmatische Pferde und solche, die mit ihren Kräften zurückhalten, werden durch den Spornstoss zu lebhafter Tätigkeit angetrieben, ausserdem aber Eigensinn, Widersetzlichkeit und Bosheit damit bestraft. Der Reiter muss den Spornstoss kräftig und entschlossen, jedoch mehr aus dem Fuss- als aus dem Kniegelenk ausführen. Dazu ist der Hacken etwas zu heben und der Sporn dadurch so gegen das Pferd zu richten, dass der Bügel bei Berührung des Pferdeleibes gegen den Absatz prallt.

Heutzutage gründet die Strafe oft nicht mehr primär auf der physischen Unterdrückung, sondern vermehrt auf der mentalen, da die Psychologie der Pferde unterdessen so gut erforscht ist, dass der Mensch genau weiss, wie das Pferdewesen unterzuordnen und zu manipulieren ist, damit es keine andere Wahl hat, als sich zu ergeben und willig zu funktionieren.

Ich hatte seinerzeit das Werk von Steinbrecht aus der Hand gelegt, weil für mich immer klar war, ich will eine andere Reitkunst. Eine Kunst, in der die Seele des Pferdes aufblühen, das Auge leuchten und der Körper sich frei entfalten kann. So, dass die Würde und Schönheit zur Geltung kommen können. Die Pferde sind enorm intelligent. Sie verstehen alles – vorausgesetzt, wir Menschen geben ihnen die Chance dazu. Sie verstehen so viel mehr als wir ahnen.

Wie zeigt sich die Reitkunst, wenn sie auf Vertrauen, Verständnis und Mitarbeit zwischen Mensch und Pferd aufgebaut ist? Wie fühlt sich das an? Und wie kann ich das erreichen?

Ich respektiere die alten Meister sehr wohl für ihre sorgfältigen Analysen und präzisen Reittechniken, die sie uns hinterlassen haben. Heutzutage haben wir viel neues Wissen und vor allem auch ein anderes Bewusstsein – nicht nur bei der Ausbildung von Pferden. Auch unsere Kinder werden in den Schulen nicht mehr geschlagen, um willig zu gehorchen und eingeschüchtert zu lernen. Ich wünsche mir, dass sich die Reitkunst mit dem neuen Bewusstsein wandeln und entfalten kann und wir sie mit den Pferden komplett neu entdecken und kreieren können. Die Basis und auch das Ziel dieser völligen Unterwerfung der Pferde gehören der Vergangenheit an.

Pferde sind faszinierende und beseelte Geschöpfe. Alle berührenden Kunstwerke liegen in der Seele begründet, sie entstehen aus dem tiefsten Inneren und sollen auch dort berühren – und nicht aus unterdrücktem Gehorsam spektakulär berauschen.

Die Pferde können verstehen, nicht weil sie Angst haben, sondern weil sie erkennen, was wir ihnen vorschlagen, wohin wir sie führen und formen wollen. Sie sollen die Möglichkeit und Freiheit haben, ihre Individualität, ihre Möglichkeiten und Potentiale einzubringen, die Reitkunst mitzugestalten, mit ihrer Intelligenz, ihrem Schalk, ihrer Verspieltheit, ihrem Herz und auch ihren Begrenzungen. Darstellen wer sie sind und uns stolz auf ihrem Rücken dahin mitnehmen. Unsere Aufgabe ist es, eine gegenseitige Kommunikation zwischen Mensch und Pferd zuzulassen und das Geschehen in einem lebendigen, schöpferischen Dialog zu lenken. Gegenseitiges wahrnehmen und achten.

Ein neuer Zentaur darf geboren werden!

Die Levade


Literaturnachweis:

Gustav Steinbrecht, Das Gymnasium des Pferdes, 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) / Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen

„Das Gymnasium des Pferdes“ von Gustav Steinbrecht überarbeitet von Bent Branderup / CADMOS Verlag 2001

Aus dem Vorwort: „Das Steinbrechtsche System wurde Grundlage der „Heeresdienstvorschrift“, die wiederum Grundlage der modernen deutschen Reiterei werden sollte. Deswegen ist dieses Buch ein kulturelles Erbe, gegenüber dem sich jeder deutsch beeinflusste Reiter verpflichtet fühlen sollte…“ Die Heeresdienstvorschrift ist auch die Grundlage der Spanischen Hofreitschule in Wien und somit der Wiege der klassischen Reitkunst.

Aufnahme Sporn, privat: Karte Museu Nacional dos Coches, Espora

 

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