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Kopflos am Gebiss

Ohne Gebiss keine Kontrolle?

Irrtümer in der Pferdeausbildung

Autorin: Jeannie Gerber

Als Pferdeausbildner werden wir oft mit der Ein­stellung konfrontiert, dass die Kontrolle unseres Lieblings nur über den Kopf, explizit über ein Gebiss im Maul, erfolgen könne. Aber ist dies wirklich der einzige Weg, mit Pferden zu arbeiten?

Der Artikel von Jeanie Gerber im Magazin 4my.horse 2019

Dieser Artikel ist zuerst im 4my.horse-Magazin 2019 erschienen

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Wenn Besitzer mit dem Wunsch nach einer Grund­aus­bil­dung ihrer Pferde an uns gelangen, wird von ihnen in den meisten Fällen sogleich die Ausbildungsmethode in Punkto Gebiss und Zäumung als oberste Priorität andiskutiert.

Doch bevor wir uns mit dem richtigen Gebiss oder der geeigneten Zäumung für die vielfältigen Ansprüche in diversen Reitstilen auseinandersetzen können, müssen wir an der Basis- und Vorbereitungsarbeit beginnen.

Einer der grössten Irrtümer in der Reiterei ist die Vorgehensweise, dass alles von der Hand an den Schenkel gearbeitet wird.

Wissenschaftlich betrachtet gibt es zwei Konditionierungsmöglichkeiten: Das Belohnungssystem beeinflusst das Lernverhalten, indem es Tiere durch Motivation dazu bringt, freiwillig mitzuarbeiten. Das Bestrafungssystem kontrolliert durch Strafe, Ignoranz oder durch Unterdrückung der Psyche mittels Demütigung und Schmerz.

Du wirst festgestellt haben, dass ich zwei verschiedene Ausdrücke verwendet habe, nämlich „beeinflussen“ im Positiven und „kontrollieren“ im Negativen. Mit der Definition meiner eigenen Absicht beziehe ich Stellung im Umgang mit meinem Pferd und dem entsprechend wird es auch meinen Führungsstil empfinden.

Negative Reize werden immer mit Gegenwehr beantwortet werden. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir auch unter Anwendung von Gewalt und psychischem Druck unsere Pferde nur bedingt gefügig machen können. Und ganz ehrlich: wollen wir das denn auch? Wir wünschen uns doch motivierte und wache Pferde, die sich auf den gemeinsamen Ausritt freuen oder den Ehrgeiz, auf einem Turnier zu glänzen, mit uns teilen!

Der Weg der positiven Motivation

Diese Motivation finden wir allerdings nicht über eine Kontrolle im inneren Maulbereich. Wenn wir es jedoch im Beritt hinkriegen, mit guter und korrekter Vorarbeit das Pferd auf unsere Möglichkeiten der Kommunikation durch Hilfengebung über unseren Körper und unsere verbalen Kommandos zu führen, dann erhalten wir diese totale und umfängliche Aufmerksamkeit, aber auch Vertrauen – und eben keine kopflosen, unberechenbaren Bulldozer, die ohne Rücksicht auf Verlust lospreschen.

Um ein Pferd seriös ausbilden zu können, ist es wichtig, die Biomechanik des Pferdes detailliert zu verstehen und zu fühlen. Die Kraft und Aktivität des Pferdes kommt aus dem Körper, genauer gesagt aus der Hinterhand. Und so ist der wichtigste Faktor für eine harmonische, fliessende Verbindung das Reiten über den Sitz und aus der Körpermitte heraus.

Wir wissen heute, dass das Pferd im Vergleich zum Menschen sensitiver, aufmerksamer, feinfühliger und reaktionsüberlegen ist. Der Mensch hingegen hat die Fähigkeit, durch intelligente Logik diese emotionalen und physikalischen Reize optimal anzustossen (Aktion), damit das Pferd die Bewegung ausführen kann und ausführen wird (Reaktion).

Die physikalischen Grundgesetzte besagen aber auch, dass der stärkste Reiz (Impuls) eine Hauptaktion auslöst, gefolgt von kleinen Reizen in Kettenreaktion. Im Kontext der Pferdeführung beim Reiten heisst dies, dass ein Reiz im Pferdemaul durch die sensible, muskellose Stelle im Kieferladen direkter und kräftiger wirkt, als ein Impuls am Schenkel, übertragen an einer Stelle mit starker Muskulatur und viel Gewebe, oder über den reinen Schwerpunkt aus dem mit einem Sattel gepolsterten Rücken.

Demzufolge ist es nicht möglich, ein junges und unausge­bildetes Pferd mit einem Gebiss souverän und fein am Schenkel auszubilden. Es ist schlichtweg nicht in der Lage, sich durch den Impuls am Gebiss als störenden Gegenstand auf das wirklich nützliche – den Schenkel und Körper des Reiters – zu fokussieren. Erschwerend kommt hinzu, dass das junge Pferd nicht stabil und in Balance läuft. Es benötigt seinen ganzen Körpereinsatz, um Balance zu finden und das schwankende Reitergewicht auszugleichen. Sein Hals und Kopf werden – wie von der Natur vorgesehen –miteinbezogen. So wackelt nun das junge Pferd hin und her und ist den regelmässigen, unangenehmen Impulsen im Maul ausgesetzt. Dies führt zu maultauben Pferden, welche auf keine Hilfe mehr sensitiv reagieren. Und so wird schwereres Geschütz aufgefahren. Schnell greift man zum schärferen Gebiss, zu den Sporen oder weiteren Hilfsmitteln. Aber eigentlich hätte es so einfach funktionieren können.

Pferdemaul

Sei bitte vorsichtig mit dem empfindlichen Pferdemaul (Foto: iStock)

Augen auf

Wir müssen uns bewusst sein, dass jedes Lebewesen über die körperliche Eigenschaft verfügt, das eigene Überleben zu sichern. Deshalb schüttet der Körper bei Schmerzeinwirkung Endorphine aus, welche dazu führen, dass trotz körperlichen Behinderungen in Schockzu­ständen weitere Bewegungen möglich sind. Wie beispielsweise das Wegrennen trotz Brüchen oder stark blutenden Wunden. Dies ermöglicht es den Pferden, auch in beklemmenden Situationen ihre „Lektionen“ über einen längeren Zeitraum weiter, quasi teilnahmslos auszuüben. Dies zu erkennen gelingt meist nur den gutausgebildeten und erfahrenen Reitenden.

Alltägliche Irrtümer:

Irrtum: Das Gebiss ist notwendig, damit ich das Pferd bremsen kann.

Nein, ein gut vorbereitetes und ordentlich ausgebildetes Pferd kann jederzeit über die Stimme oder den Sitz im Tempo reduziert und zum Anhalten gebracht werden. Ist dies nicht der Fall, so mangelt es schon in der Vorberei­tungs­arbeit, bevor man in den Sattel steigt.

Irrtum: Eine gebisslose Zäumung ist nicht wirkungsvoll.

Doch, sehr sogar. Die Zügel am Halfter dienen zur Richtungsbestimmung und ebenso zum Regulieren der Tempos oder allfälligem Durchgehen. In der Praxis sollte das Pferd durch Biegung des Kopfes bis maximal zur Schulter hin, definitiv angehalten werden können. Die gut geführte Hackamore hat sogar gegenüber dem Gebiss den Vorteil, dass sich das Pferd nicht drauflegen und somit Verharren kann.

Irrtum: Gebisslose Zäumungen gehören nicht in Anfängerhände.

Aber sicher, sowas von! Eine Anfängerhand ist nicht in der Lage, die Zügel ruhig am Gebiss zu führen. Anfänger tun sich mit all den zu lernenden Aufgaben viel leichter, wenn man ihnen die Angst nimmt, „dem Pferd im Maul weh zu tun“.

Irrtum: Man sollte das Pferd zuerst am Gebiss ausbilden, bevor man es auf Gebisslos umstellt.

Es ergibt keinen Sinn, dem Pferd etwas beizubringen, was es ja dann später eh nicht mehr erfahren soll. Unter all den genannten negativen Aspekten des Gebisses ist dies für alle Beteiligten nur ein langwieri­ger Umweg, um an ein Ziel zu kommen, welches man direkt ins Visier nehmen hätte können.

Übrigens bilden die Cowboys in der altkalifornischen Reitweise seit mehreren Jahrhunderten die Pferde in der Hackamore aus, bevor sie die Pferde auf Gebiss (Kandarre) umstellen. Die ersten Ursprünge dies heutigen Bosals sind bis ins 7. Jahrhundert nach Andalusien und auch in den arabischen Raum zurückzuverfolgen

Irrtum: Der Kopf als vorderstes Körperteil ist beim Reiten besonders zu berücksichtigen.

In der Pferdeherde steht das ranghöchste Tier immer an vorderster Stelle. Dieser Punkt wird jedoch nicht an der Nasenspitze gemessen, sondern an der Schulterposition.

Auch in menschlicher Umgebung bedeutet nebeneinander zu gehen, Schulter an Schulter zu stehen. In der Reiterei ist die Verbindung zwischen den Partnern Reiter und Pferd aus der Vogelperspektive zu betrachten. Hier sitzt der Reiter nämlich direkt hinter den Schultern. Daraus ist zu schliessen, dass im übertragenen Sinne eine Gleichrangigkeit erreicht wird, mit dem kleinen Unterschied, dass unsere Augen eindeutig höher und somit weitsichtiger als die des Pferdes sind, was uns wiederum in die komfortable Situation des Überlegenseins bringt.

Schlussfolgerung: Ein Gebiss im Jungpferdetraining stiftet mehr Verwirrung und unbeabsichtigte Demütigung, als von den Pferdebesitzern gewollt. Trotzdem ist anzufügen, dass ein gut ausgebildetes Pferd, welches aktiv über den Sitz geritten und mit ruhiger Hand geführt werden kann, auch problemlos in der Lage ist ein Gebiss sanft und mit Stolz zu tragen.

Es würde mich sehr freuen, wenn mehr Reitende rational nach dem Vorsatz „weniger ist mehr“ ihre Pferde anleiten und nicht mit störenden Reizen unnötig überfluten, wenn nicht mehr kopflos am Gebiss verschlimmbessert würde und wir zurück zu einer fairen Ausbildung und fairem Führungsstil auf einer respektvollen Ebene mit unseren Pferden zusammenarbeiten.

„more mind, less muscles!“

Jeannie Gerber

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