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Klare Kommunikation trotz Ablenkung

Ablenkung im Stall - und trotzdem klar kommunizieren

Autorin: Katja Selbach, Tierpsychologin

Wie sage ich meinem Pferd, was ich von ihm möchte?

Kennt ihr das auch? Ich versuche meinem Pferd etwas beizubringen, aber es versteht mich einfach nicht richtig… Es gibt Tage, an denen mein Geduldsfaden einfach zu kurz ist, um zu reflektieren, was ich eigentlich gerade mache. Dabei liegt die Lösung eigentlich auf der Hand: Ich muss mich nur in mein Pferd hineinversetzen, also mit seinen Augen sehen.

Die Begriffe Positiv und Negativ sind verwirrend

Um dieses „nur in das Pferd hineinversetzen“ auch unter Ablenkung hinzubekommen, ist es wichtig zu verstehen, wie das Pferd die Situation sieht und was genau ihm denn vermitteln werden soll. Fangen wir bei der Wurzel an, um das Problem auch zu identifizieren: Eine Lerneinheit setzt sich daraus zusammen, dass dem Pferd ein Signal oder Anreiz gegeben wird und es für die Reaktion darauf ein Feedback bekommt. Dieses Feedback kann je nach Trainingsmethode unterschiedlich aussehen.

Es gibt die positive Verstärkung, bei der das Pferd eine Belohnung erhält in Form von Leckerlis, Streicheleinheiten oder einer Pause (es wird also etwas Positives hinzugefügt), die negative Verstärkung, bei der Druck weggenommen wird und die neue Situation für das Pferd angenehm gemacht wird (es wird etwas Negatives zur Belohnung entfernt), sowie die Bestrafung.

Die Begriffe Positiv und Negativ sind leider etwas verwirrend, da sie implizieren, das die eine Methode sich schlechter auswirkt; dies ist aber nicht der Fall (Quelle 1). Hier können wir nun zwei Fehlerquellen identifizieren: Zum einen das Signal oder der Anreiz und das Feedback. Ich möchte mich hier ganz besonders auf das Feedback beziehen, da wir uns hier ebenso genau wie bei dem Signal bewusst machen müssen, wie wir vorgehen. Bevor ich mit einer Übung beginne, muss ich entscheiden wie ich meinem Pferd Feedback für seine Reaktion oder sein Angebot gebe. Es ist entscheidend für den Lernerfolg, eine gute Wahl zu treffen.

Anknüpfung an natürliche Verhaltensweisen

Studie bei Mäusen

An einer Studie mit Mäusen wurde gezeigt, wie unterschiedlich sich positive und negative Verstärkung bei verschiedenen Lernzielen auswirken können. Die Mäuse konnten einen negativen Reiz vermeiden, indem sie zu rennen anfingen, wendeten oder sich aufrichteten. Erstaunlicherweise wurden nur die Verhaltensweisen Rennen und Wenden verstärkt gezeigt, das Verhalten Aufrichten wurde sogar von den Mäusen reduziert.

Das weist darauf hin, dass die Mäuse durch den negativen Reiz die Situation als potenziell gefährlich einstufen und demnach Verhaltensweisen mit offensichtlichem Nutzen wie Rennen und Wenden verstärkt zeigen. Aufrichten gehört jedoch eher in die Kategorie des Erkundungsverhaltens und wird in Stresssituationen weniger gezeigt, sodass es auch hier abgeschwächt wurde, obwohl der negative Reiz beim Aufrichten aufhörte. Wichtig ist also, dass das Training an natürliche Verhaltensweisen anknüpft und im richtigen Kontext verstärkt wird, um das Tier für das Zeigen des Verhaltens ausreichend zu motivieren (Quelle 2).

Wenn das Pferd für Zappeln belohnt wird

Ein typisches Beispiel aus der Pferdewelt, welches jeder kennt oder zumindest schon beobachtet hat, ist der Besuch des Hufschmiedes. Der Hufschmied beginnt die Hufe zu bearbeiten und das Pferd steht, entsprechend seinem natürlichen Verhalten, still und entspannt. Die Besitzerin unterhält sich mit den umstehenden Leuten oder bespricht mit dem Hufschmied die Hufqualität des Pferdes. Nach einiger Zeit beginnt das Pferd zu zappeln. Die Reaktion erfolgt prompt und die Besitzerin versucht das Pferd zu beruhigen, doch die Situation wird nicht besser.

Betrachten wir die Situation mit den Augen des Pferdes bemerken wir, dass zwar ein Signal gegeben wurde, nämlich das das Pferd still stehen soll, aber kein ausreichendes Feedback erfolgte. Das Pferd wartet nun auf das Feedback während die Besitzerin sich unterhält und abgelenkt ist. Nach einiger Zeit ist sich das Pferd sicher, dass es etwas falsch machen muss da weder Druck weggenommen wurde, noch hat es eine Belohnung erfahren. Also beginnt es zu zappeln. Auf das Zappeln erfolgt prompt eine Reaktion. Es wird am Halfter gezupft oder es wird sogar gestreichelt und mit sanfter Stimme beruhigt. Hier ist dem Pferd klar: Okay das Zappeln ist richtig, da ich hierfür belohnt werde. Und schon haben wir den Salat (Quelle 3).

Bestrafung ja oder nein?

Jetzt mag sich der ein oder andere Fragen: Wieso belohnt? Ich hab doch am Halfter gezupft, damit das Pferd wieder still steht. Das ist auch berechtigt und so kommen wir zu unserer dritten Option des Feedbacks: die Bestrafung.

Süsses oder Saures?

Bestrafen ist immer ein heikles Thema über das niemand so richtig sprechen möchte. Um unser Pferd fair zu behandeln, auch wenn unser Geduldsfaden noch so kurz ist, müssen wir uns im Klaren darüber sein, was Bestrafung ist und in welchen Dosen sie überhaupt effektiv ist. Aus Erfahrung können wahrscheinlich einige von uns berichten, dass es mit einer einmaligen Bestrafung häufig nicht getan ist. Aber warum ist das so?

Machen wir uns mal bewusst was ein Pferd ist. Pferde sind seit über 25 Mio. Jahren hoch spezialisierte Lebewesen. Sie sind Fluchttiere, Herdentiere und Steppentiere (Quelle 4). Ihr Verhalten ist höchst komplex und nicht mit dem menschlichen Verhalten vergleichbar. Wie können wir uns also sicher sein, dass etwas, was für uns wie eine Bestrafung wirkt, vom Pferd ebenso verstanden wird?

Klassisches Beispiel: der Boxentür-Klopfer

Um dies zu verdeutlichen, hier ein Beispiel aus den Reitställen dieser Welt: Es herrscht normales Treiben im Stall und eines der Pferde fängt an, mit den Vorderhufen seine Boxenwand zu bearbeiten. Die häufigste Reaktion, die daraufhin zu sehen oder besser zu hören ist, dass jemand zu dieser Box hingeht und das Pferd anbrüllt. Und jetzt bitte ich euch wieder: Schauen wir uns diese Situation aus den Augen des Pferdes an. Es steht in der Box. Seine beiden Nachbarn sind gerade mit ihren Besitzerinnen unterwegs und aufgefressen hat es auch. Unser Pferd hat Langeweile und sieht das Treiben aus seiner Box heraus. Durch das Treten gegen die Boxenwand kommt jemand und beschäftigt sich mit ihm. Das Anbrüllen wird von dem Pferd hier nicht als Bestrafung angesehen, sondern vielleicht sogar als positive Verstärkung. Dies könnte sogar dazu führen, dass es das Verhalten noch viel intensiver und häufiger zeigt.

Unerwünschtes Verhalten ignorieren

In den meisten Fällen ist ein einfaches Ignorieren des ungewünschten Verhaltens, auch wenn es schwer fällt, die beste Methode es wieder los zu werden. Mein kleiner Wallach ist beim Mähne kämmen immer rückwärts gelaufen, weil es ihm nicht gefallen hat. Zu Beginn habe ich ihn immer wieder korrigiert und wieder an den vorgesehen Platz geführt. Nachdem es aber auch nach Wochen nicht besser wurde, fing ich an das Rückwärtsgehen zu ignorieren und einfach weiter die Mähne zu kämmen. Zuerst wurde es deutlich schlimmer, da er noch stärker versuchte mich durch das Rückwärtsgehen davon abzubringen. Ich habe dann angefangen, bei jedem kleinsten Moment, in dem er still stand, aufzuhören zu kämmen und ihn belohnt. Nach einer Woche duldete er das Mähne kämmen und blieb stehen. Der Kompromiss zwischen uns ist, er bleibt stehen und ich kämme vorsichtig und beeile mich. :-)

Das ranghöhere Pferd

Es ist also essentiell, dass wir uns sicher sind, dass eine Bestrafung wenn wir sie einsetzen, auch als solche verstanden wird. Doch das führt uns zu der nächsten offenen Frage: Wann setze ich denn Bestrafung ein? Im Prinzip gibt es nur eine Form von Verhalten, bei der eine direkte Bestrafung das Mittel der Wahl ist und das ist dominant-aggressives Verhalten. Das bedeutet kleine Sticheleien, Bedrohungen oder sogar Angriffe seitens des Pferdes gegen den Menschen, mit dem Hintergrund, dass das Pferd ranghöher ist.

Ein konkretes Beispiel hierfür zu nennen ist sehr schwierig, da gerade aggressive Verhaltensweise vielschichtige Gründe haben können. Für eine genaue Diagnose in schweren Fällen ist häufig eine möglichst vollständige Anamnese erforderlich. Tritt das aggressive Verhalten aus Angst auf, kann es mit einer direkten Bestrafung deutlich verschlimmert werden. Zudem gibt es Fälle, in denen dem Pferd das aggressive Verhalten unbewusst antrainiert wird, bspw. durch Drohen bei der Fütterung. Das Pferd droht den Menschen an und erhält seinen Eimer mit Futter, hier wären wir wieder bei der positiven Verstärkung, auch wenn diese unbewusst erfolgt (Quelle 4).

Vorbeugen ist besser als Korrigieren

Es ist also nicht ganz einfach - und in den meisten Fällen auch nicht erforderlich - Bestrafung einzusetzen. Wenn jedoch der halbstarke Jährling irgendwann einmal Anzeichen zeigt, meine Rangposition zu hinterfragen, indem er mich z.B. beim Geführt werden einfach überrennt, ist es an mir, schnell und angemessen zu reagieren. Meine Reaktion muss unmittelbar erfolgen und sie muss in der richtigen Dosis sein. Eine zu heftige Bestrafung führt dazu, dass das Vertrauen beschädigt wird und sie ist nicht effektiver, als eine weniger starke, aber gut getimte Bestrafung.

Gute Bodenarbeit und eine konsequente Führposition wirken dominant-aggressivem Verhalten prophylaktisch entgegen. Um also die richtige Wahl des Feedbacks für mein Pferd zu treffen, bedarf es einiges an gedanklicher Vorbereitung. In der jeweiligen Situation muss ich so schnell reagieren, dass ich schon wissen muss, was ich tue. Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Jeder sollte sich schon vor einer Übung oder auch vor dem generellen Umgang mit dem Pferd Gedanken machen, wann es überhaupt Sinn macht eine Bestrafung einzusetzen. So erspare ich mir und meinem Pferd viel Stress und viele Missverständnisse.

bei Pferden bedeutet nichts Nicht

Das wird möglich, indem wir versuchen die Situationen, in welcher sich unser Pferd befindet, mit seinen Augen zu sehen. Das Schöne ist, dieses kleine bisschen Gedankenarbeit zahlt sich sehr schnell in Motivation seitens unserer Pferde aus. Für Dinge, die wir gut machen konsequent belohnt zu werden und wenn Fehler einfach mal gemacht werden dürfen, das steigert automatisch unsere Motivation und wir haben Spaß an dem was wir tun, so auch unsere Pferde.

Vom richtigen Feedback

Die Frage die jetzt zu klären ist: Wie gebe ich das richtige Feedback? Dafür müssen wir erstmal ein paar kleinere Fragen für uns selbst beantworten: Was will ich meinem Pferd beibringen? Bin ich mir im Klaren darüber was das Ziel ist, so muss ich mir überlegen, wie ich das Verhalten verstärken möchte. Ist es eher eine Laufaufgabe, so wähle ich wohlmöglich eher die negative Verstärkung. Möchte ich hingegen, dass es sich entspannt und den Kopf senkt, ist die positive Verstärkung vielleicht besser geeignet.

Beide Methoden sind völlig legitim, wenn ich mir nur vorher überlege, wann und wie ich das Feedback gebe um den größtmöglichen Lernerfolg und damit auch die größtmögliche Motivation für das Pferd generiere. Macht mein Pferd einen Fehler oder bekomme ich nicht die gewünschte Reaktion hilft erstmal eins: Durchatmen. Habe ich einen schlechten Tag, wähle ich jetzt vielleicht lieber eine andere Übung, die mein Pferd schon kennt und wiederhole bekannte Lektionen. Bin ich aber gut drauf und möchte an der Übung arbeiten, so schraube ich erstmal meine Ziele für den heutigen Tag runter.

Richtiges Feedback setzt Verstehen voraus

Der nächste Schritt ist sich zu überlegen, ob nicht doch eine minimale Bewegung oder eine winzige Reaktion in die richtige Richtung seitens des Pferdes da war. Oft wollen wir Menschen immer gleich viel mehr als das Pferd uns geben kann, da wir die vollendete Lektion im Kopf haben. War eine minimale Reaktion vorhanden, so verstärke ich diese so lange bis das Pferd weiss, worum es geht und das Verhalten oder die Bewegung bewusst zeigt. Bin ich mir aber sicher, dass seitens des Pferdes keine Reaktion in die gewünschte Richtung erfolgt ist, so fangen wir wieder ganz von vorne an:

Wir versuchen die Situation mit den Augen unseres Pferdes zu sehen und fragen uns was unser Pferd behindert. Manchmal muss man auch einfach eine Nacht drüber schlafen und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen.

Wichtig ist, und was ich mit diesem Artikel sagen will, es lohnt sich nicht sich zu ärgern und sein Pferd wohlmöglich ungerechtfertigt zu bestrafen. Ein belohnendes Feedback führt nicht nur zu mehr Motivation, sondern auch zu einer besseren Beziehung. Bin ich also abgelenkt, weil eine Freundin mit im Stall ist oder ich Ärger auf der Arbeit habe, muss ich mir dessen bewusst sein und was dies für mein Pferd bedeutet. Für eine gute Leistung braucht es Konzentration auf beiden Seiten. Unsere Pferde werden immer versuchen es uns Recht zu machen.

Quelle 1: http://www.ruhr-uni-bochum.de/biopsyseminare/data/studentenprojekte/seminar-lernen_ws0102/instrumentelles_Lernen_1911/Instrumentelles%20Lernen.htm

Quelle 2: Prior, H. (2013): Lernen und Gedächtnis

Quelle 3: Theby, V. (2014): Pferde gymnastizieren mit dem Clicker

Quelle 4: Lebelt, D. (2013): Ethologie des Pferdes: Verhaltensprobleme - Verhaltenstherapie

 

Fotos 2 und 4: Svenja Hanne / Fotos 1 und 3: Pixabay / Beitragsfoto: Beatrice Hohl

 

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