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Harmonie ist der natürliche Zustand von zufriedenen Pferden

​Harmonie

ist der natürliche Zustand von zufriedenen Pferden

Nirina Meyer ist Ausbildungsleiterin beim Schweizer Freizeitreitverband SFRV. Sie arbeitet hauptberuflich mit Menschen und Pferden und gibt Seminare zu diversen Aspekten der Kommunikation zwischen diesen beiden Lebewesen. Wie geht sie in ihrem Alltag mit dem Thema Gewalt um? Ein persönlicher Bericht.

Artikel aus der PASSION 1/2016: Autorin Nirina Meyer

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Da kommt mir als erstes die Frage in den Sinn: Wenn wir keine Gewalt wollen, was wollen wir dann? Um dies zu beantworten, erzähle ich gern von mir persönlich eine Anekdote:

Ich gehe den schmalen Trampelpfad entlang. Langsam wird es Abend und ein lauer Wind säuselt durch Gräser und Laub. Es riecht nach Sommer, Fichtennadeln und brauner Erde. Die Heuschrecken zirpen. Das Gras steht noch hoch und vom Waldrand her drücken Haselsträucher und Brombeerranken zur Wiese hin, so dass sich der Pfad geschickt darum herum schlängelt. Ein schöner Fleck Natur!

Und da plötzlich um die Ecke stehen sie vor mir: Die Pferde. Fröhlich zwinkern sie fressend zwischen den Gräsern hervor. Strotzend vor Lebendigkeit. Ihr strahlender Frohmut lässt mein Herz vor Freude hüpfen. Ich stelle mich dazu und wandere eine Weile mit der Herde mit. Tanke Ruhe, Frieden und Natürlichkeit. Einmal mehr bin ich beeindruckt davon, meine Pferde in ihrer Natürlichkeit zu erleben. Diese Erfahrung ist prägend für mein Verständnis über das Wesen Pferd. Ich orientiere mich an diesem Zustand von Harmonie, auch beim Reiten, um erkennen zu können, ob ich auf dem Pfad der Harmonie oder der Gewalt bin.

Herde

Der Weg zur Harmonie beginnt beim Menschen selbst

Harmonie ist der natürliche Zustand von zufriedenen Pferden. Die Zufriedenheit entsteht durch die Entscheidungsmöglichkeit, das zu tun, was im Moment ansteht und optimal ist: Fressen, sich langsam fortbewegen, ruhen, sich vor Sonneneinstrahlung und Insekten schützen, spielen, fellkraulen, sozial interagieren.

Wie weit entfernt davon sind viele Pferde? Hier beginnt schon die „Gewalt“ in Form von passiver Gewalt. Gewalt findet da statt, wo Grenzen überschritten werden.

Mensch und Pferd haben die gleichen Möglichkeiten, auf Stress zu reagieren: Flucht (die damit verbundene Emotion ist Angst), Erstarrung (Depression), Kampf (Agression), Kooperation (Aufopferung). Leider sind viele Menschen und auch Pferde im Dauerstress, so dass die Dynamik der Stressmuster alltäglich sind.

Meine Arbeit besteht oft darin, den Stress zu reduzieren.

Das heisst, den Lernenden einen Weg hin zu einem positiven inneren Zustand zu zeigen. Aus diesem Zustand heraus können die nötigen körperlichen Fähigkeiten entwickelt werden, um bewusst, entspannt und präzise Reiten zu können.

Immer wieder sind die Reiter erstaunt, mit wie wenig Aufwand, mit wie wenig Kraft ein Pferd zu reiten ist, wenn der Reiter zentriert und losgelassen im Rhythmus des Pferdes mitschwingt. Also beginnt der Weg der Harmonie bei sich selbst. Das gilt auch für mich als Trainerin: bin ich nicht in einem guten Zustand, kann ich es nicht vermitteln. Gewiss, niemand ist zu jeder Zeit zentriert und in innerer Ruhe. Perfektion gibt es nicht.

Der Mensch ist in der Verantwortung – dem Pferd und sich selbst gegenüber

Die Stresszustände beim Pferd auch in abgeschwächter Form zu erkennen, ist keine Zauberei, sondern verlangt geübtes Beobachten und das Erkennen von kleinsten Veränderungen in Mimik und Körperspannung. Bei allem was man mit Pferden tut: Es geht für mich darum, zu erkennen, wann die Grenzen überschritten werden. Oder es besser schon gar nicht so weit kommen zu lassen.

Der Weg der Harmonie beginnt bei sich selbst.

Wir sind in der Verantwortung gegenüber dem Pferd. Aber auch gegenüber uns selbst – wir müssen auch Grenzen setzen können. Ja, Pferde gehen nicht zimperlich miteinander um, wenn es darum geht, Grenzen der Individualdistanz zu verteidigen.

Beim Erlernen von komplexen Aufgaben wie Bodenarbeit oder Dressur geht es jedoch nicht um das Verteidigen der Individualdistanz. Heftige Reaktionen seitens des Menschen sind hier nicht angebracht. Und wenn es doch passiert? Durchatmen, Distanz zur Situation schaffen, sich selbst verzeihen, und sich fragen: Wie kann ich Stress reduzieren und die Lernaufgabe in entspanntem Zustand lösen? In den Lehrgängen des SFRV (Schweizer Freizeitreiter Verband) sind gewisse Techniken und Hilfsmittel, die Gewalt begünstigen, nicht erlaubt.

Die wichtigste Aufgabe besteht für mich persönlich darin, den Lernenden Möglichkeiten zu zeigen, wie sie Entscheidungen treffen können, die zum Wohle aller sind.


Nirina Meyer

Pferdemimik

Situationen richtig einschätzen zu können erfordert genaue Kenntnisse der Pferdemimik:

Zur Mimink gehört sämtliche Muskulatur im Gesicht, rund ums Maul, Nüstern, Kiefer und Augen, das Ohrenspiel und auch Halshaltung.

Dieser Friese ist in hoher Spannung zwischen Unsicherheit und Neugierde. Grund für die Unsicherheit ist der ihm unbekannte Stuhl und die im Bild nicht zu sehenden Zuschauer.

Es sind also zwei Faktoren vorhanden, die dem Hengst neu sind. Die Neugierde besteht durch das gewohnte Vertrauen in mich. Und es ist an der gespitzten Oberlippe erkennbar, dass er sich wohl auch eine Belohnung erhofft.

Verlangt man in solch einer Situation mit Druck etwas vom Pferd, ist eine Fluchtreaktion und eine darauf folgende negative Dynamik der Stressmuster höchstwahrscheinlich. In vielen ähnlichen Situationen kommt es dann seitens des Menschen zu Gewaltreaktionen, die gar nicht nötig wären, würde die Situation erkannt und dem Pferd die Zeit gelassen, mit der Situation klar zu kommen.

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