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Definiere bitte "gewaltfrei"!

Definieren Sie bitte mal gewaltfrei!

Artikel aus der PASSION 1/2016, Autorin: Lily Merklin

Gewalt ist out! Wir bilden unsere Pferde gewaltfrei aus, kommunizieren gewaltlos und gehen gegen Gewalt auf die Strasse. Klingt gut, aber stimmt das auch? Oder machen wir uns da was vor? Lily Merklin und Bibi Degn gehen der Sache auf den Grund.

Zum PodcastEtwas als gewaltfrei oder gewaltlos zu definieren, ist vermeintlich einfach: Man wendet halt keine Gewalt an. Aber was ist eigentlich Gewalt? Wenn man die Online-Enzyklopädie Wikipedia um Rat fragt, kommt man zu folgender Definition: „Als Gewalt (von althochdeutsch waltan „stark sein, beherrschen“) werden Handlungen, Vorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird.“

Hm, und wie ist das jetzt mit unseren Pferden? Das wir ihnen keinen Schaden zufügen wollen, ist hoffentlich klar. Aber beeinflussend, verändernd? Ohne diese beiden Punkte macht Pferdeausbildung nicht wirklich Sinn. Ist Gewalt also vielleicht doch nicht so schlimm? In unserer Gesellschaft gibt es die Begriffe Gewaltenteilung oder Gewaltmonopol des Staates, in denen der Begriff Gewalt neutral zum Einsatz kommt und keinen (oder kaum) negativen Beigeschmack hat. Ansonsten denken wir beim Wort Gewalt eher an Verbrechen und gezielte Schädigung eines Menschen, eines Tieres oder einer Sache. So kann man den Begriff enger fassen und von „materieller Gewalt“ sprechen, wenn es um die gezielte physische Schädigung geht, bzw. von „psychischer Gewalt“. Darunter fallen Begriffe wie Deprivation, verbale oder emotionale Gewalt, aber auch die „weisse Folter“.

Mensch und Pferd – dieselbe Sprache sprechen sie nicht, verstehen können sie sich trotzdem.

 

Gewaltlosigkeit = Freiheit?

Was bedeutet das nun für uns und unsere Pferde? Körperliche Gewalt ist zum Glück allgemein verpönt und eigentlich verboten. Nichts desto trotz werden tagtäglich auch in der Schweiz zahlreiche Pferde mit Gerte und Sporen malträtiert und mit unpassenden Sätteln geritten. Ihnen wird im Maul herumgerissen oder der Kopf wird ihnen – mit oder ohne Hilfszügel – auf die Brust gezogen.

„Ja, die Sportreiter!“ ist jetzt der eine oder die andere versucht zu denken: „Wir Freizeitreiter machen so was ja nicht.“ Unsere Pferde dürfen in Selbsthaltung laufen, werden mit Knotenhalfter oder Halsring und ohne Sattel geritten. Wir nehmen es mit unseren Hilfen nicht immer so genau, das Pferd darf auch mal sagen, wo es hinwill. Unsere Vierbeiner dürfen mit ihren Kollegen auf die Weide, sich nach Herzenslust im Schlamm wälzen und wir geben ein Heidengeld für den Tierkommunikator aus, der nachfragt, ob das auch alles ok für unseren Liebling ist.

Gewaltfreies Equipment?

Aber ist ein gut passender Sattel wirklich keine Gewalt? Aus anatomischer Sicht sind Pferde definitiv nicht zum Reiten gemacht. Jeder Sattel ist eine Einschränkung für das Pferd – genau wie jedes Zaumzeug. Und dass Gebisse erstmal keine Gewalttätigkeit darstellen, denken auch nur Reiter. Zeigen Sie mal einem nichts von Pferden verstehenden Menschen einen Reitsportkatalog und schlagen Sie die Seite mit den Trensen oder mit den Hilfszügeln auf. Oder nehmen Sie so einen naiven Bekannten mit auf eine Pferdemesse oder ins Reitsportgeschäft. Nicht im Traum käme der auf die Idee, dass ein Pferd freiwillig mit so einem Ding im Maul herumlaufen würde. Aber sie machen es freiwillig und ohne dass wir Gewalt anwenden. Oder?

Gewaltfreie Haltung?

Fragen Sie mal einen Hunde- oder gar Katzenbesitzer, was der zu dem denkt, was wir so mit unseren Pferden treiben! Wie viele Leute kennen Sie, die ihren Hund oder ihre Katze in eine Box sperren? Vielleicht noch mit Gittern bis zur Decke und ohne Kontakt zu Artgenossen? Vielleicht 23 Stunden lang oder gar den ganzen Tag, wenn wir mal keine Zeit haben? Bei einer Katze kommen wir uns schon gewalttätig vor, wenn wir sie im Katzenkorb zum Tierarzt bringen…

 

Wo beginnt Gewalt?

Ihr Pferd lebt nicht in einer Box, sondern im Offenstall und darf auf die Weide? „Prima“, sagen die Pferdebesitzer: „Das ist artgerecht.“ Wirklich? Wie ist die Weide denn eingezäunt? In der Regel mit einem Elektrozaun, oder? Für Pferdebesitzer ganz normal, weil allgemein üblich. Aber haben Sie mal mitgekriegt, welche Diskussionen ein Elektrozaun für Hunde oder Katzen hervorruft? Dieser Grenzdraht kann unter- oder oberirdisch verlegt werden. Der Hund bekommt einen Empfänger angelegt und hört einen Warnton, wenn er sich dem Zaun nähert. Wenn er die Grenze überschreitet, kriegt er einen leichten Stromschlag. Die Idee dahinter ist die, dass der Hund lernt, schon auf den Warnton zu reagieren und in einem bestimmten Gebiet bleibt. Das ist in der Schweiz für Hunde zwar nicht erlaubt, wie in Artikel 76 (2) der eidgenössischen Tierschutzverordnung klar dargelegt ist: „Die Verwendung von Geräten, die elektrisieren, für den Hund sehr unangenehme akustische Signale aussenden oder mittels chemischer Stoffe wirken, ist verboten.“ Ausnahmen sind nur für Personen, die sich über die notwendigen Fähigkeiten ausweisen, zu therapeutischen Zwecken möglich und bedürfen einer Bewilligung durch die kantonalen Behörden. Als weiteres Argument gegen solche Elektrozäune für Hunde wird häufig noch ins Feld geführt, dass es ja passieren kann, dass ein Hund den Zaun überwindet und dann nicht mehr zurückkommt. Verständlich, aber ist das bei Pferden anders?

Schauen wir mal weiter. Was brauchen Pferde denn noch ausser genug Auslauf, Licht und Futter? Genau, Freunde. Das Pferd ist ein höchst soziales Lebewesen, die Herde für sein Überleben in der Natur essenziell. Und Ihr Pferd? Hat es Kollegen? Darf es mit denen spielen, streiten, Fellpflege betreiben und um die Wette laufen? So viel, wie es will? Wer entscheidet, welche Pferde nebeneinander wohnen oder miteinander auf die Weide dürfen? Und wenn wir umziehen? Ziemlich sicher sind wir unserem Pferd wesentlich weniger wichtig als seine Kollegen und seine vertraute Umgebung? Lassen wir es deswegen dort und suchen ihm einen neuen Menschen, wenn wir umziehen? Nein, wahrscheinlich nehmen wir es mit, wechseln den Stall und damit sein soziales Umfeld, wie es uns gefällt. Natürlich ganz gewaltfrei. Besonders wenn wir es dafür verladen müssen…

Der Hengst würde gerne auf die andere Seite des Zauns

Die Herde als Vorbild?

Aber Pferde gehen ja auch nicht zimperlich miteinander um, mag der eine oder andere Leser vielleicht denken. Gehen die nicht auch ganz schön gewalttätig miteinander um? Wer Pferde als dominante Tiere betrachtet, die die ganze Zeit damit beschäftigt sind, ihre Stellung in der Herde zu sichern oder auszubauen, mag das vielleicht denken. Wer sich die Mühe macht, einer Gruppe Pferde zuzuschauen, merkt schnell, dass sie eigentlich recht ruhige und friedliebende Tiere sind. Oder wie Marlitt Wendt in „Vertrauen statt Dominanz“ schreibt: Im Leben der Pferde dreht sich keinesfalls alles um Rang und Status.“

Aber es gibt doch das Prinzip vom „Überleben des Fittesten“, das schon Charles Darwin beschrieben hat, mögen Sie jetzt einwenden. Es ist schliesslich wichtig, dass das stärkste Tier die Herde anführt! Aber ist immer klar, wer das stärkste Tier ist? Und ist das stärkste Tier wirklich der beste Führer? Beobachtungen belehren uns eines anderen. Lassen Sie mich Alfonso Aguilar aus „Wie Pferde lernen wollen“ zitieren: „Die Leitstute gibt den Weg vor, auf dem die Herde zieht. Sie kennt die besten Futterplätze … und weiß, wo die Herde Schutz und Wasserstellen findet … Ihr folgt die Herde und sie behält oft lange ihre Stellung, auch wenn sie alt und schwach geworden ist.“ Und wenn wir ehrlich sind, können wir in der Regel gar nicht so genau sagen, wie die Rangordnung in einer Herde wirklich aussieht. Zu oft scheint A B zu dominieren und B C – C aber wiederum A. Oder wie Alfonso Aguilar es ausdrückt: „Die Rangordnung wird oft so subtil ausgemacht, dass sie für einen Beobachter schwer auszumachen ist.“

Ist es denn überhaupt gerechtfertigt, den Umgang der Pferde untereinander als Vorlage für unseren Umgang mit ihnen zu nehmen? Schliesslich verbringen wir nur einen bescheidenen Teil unserer Zeit mit ihnen, bewegen uns sehr unterschiedlich, ernähren uns komplett anders und geben, kurz zusammengefasst, keine besonders überzeugende Kopie eines ihrer Artgenossen ab. Oder anders ausgedrückt, dürfen wir Pferde dominieren, nur weil wir uns als ranghöher definieren? Oder noch ketzerischer gefragt: Legalisiert eine Hierarchie Gewalt? Macht sie sie vielleicht sogar notwendig? Nicht umsonst sind Begriffe wie väterliche oder staatliche Gewalt nicht nur negativ besetzt. Sie beinhalten ähnlich viel Verantwortung, wie wir auch einer Leitstute oder einem Leithengst zugestehen dürfen. Und weil die bzw. der diese Verantwortung hat, muss er sich auch durchsetzen. Oder?

An dieser Stelle mag ein Blick in die Geschichte interessant sein. Bis 1900 gab es das „Züchtigungsrecht“ über „Gesinde" in der Landwirtschaft, bis 1928 das Züchtigungsrecht des Vaters über die Kinder und die Ehefrau, bis 1951 das des Lehrherrn über den Lehrling und bis 1973 das für Lehrer an Schulen. Erst 1989 verbot die UN Kinderrechtskonvention ausdrücklich jede Form von körperlicher, geistiger und emotionaler Gewaltanwendung. Sie wurde von der Schweiz 1997 ratifiziert.

Gewaltfreie Ausbildung?

Der junge Hengst ist zum ersten Mal aufgehalftert

Was bedeutet das nun für die Pferdeausbildung? Dass es nicht ok ist, ein Pferd zu schlagen, ist irgendwie klar. Aber wie sieht es mit einem Klaps mit der Gerte aus? Mit dem Ziehen am Strick oder am Zügel, mit dem Ruck am Halfter, dem Aufbau von Druck, dem das Pferd weichen soll, dem von uns weg oder im Kreis treiben, wenn das Pferd etwas tut, das wir nicht wollen? Wie oft lassen wir das Pferd zwischen zwei gleichermassen unangenehmen Varianten wählen (in den Hänger gehen oder im Kreis herumrennen, rückwärts geschickt werden oder über die Plastikplane gehen), anstatt ihm ruhig und klar verständlich zu erklären, was wir von ihm wollen?

Ist solcherlei Gewalt nicht oft genug ein Armutszeugnis? Weil wir anders nicht weiterkommen? Weil es einfach ist? Weil wir es können? Weil Pferde keinen Schmerzenslaut haben? Nicht umsonst heisst es: Gewalt beginnt, wo Wissen endet. Und eines müssen wir uns immer wieder vor Augen führen: Dominanz ersetzt die Pferdeausbildung nicht. Selbst wenn mich das Pferd als Leitstute anerkennen könnte/würde, täte es nicht ab sofort alles, was ich will. Ich müsste es ihm immer noch beibringen. Und damit sind wir bei den Lerngesetzen.

Ein bisschen Lernpsychologie

In der Lernpsychologie unterscheiden wir zwischen zwei Arten von Konsequenzen: Bestrafung sorgt dafür, dass Verhalten seltener auftritt. Das kann ich einmal erreichen, indem ich dem Pferd etwas Unangenehmes antue, es also schlage, anschreie oder im Kreis herumjage, sprich: mehr oder weniger Gewalt anwende. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dem Pferd etwas Angenehmes zu entziehen, ihm also das Futter wegzunehmen, den Kontakt zu seinen Artgenossen zu unterbinden oder aufzuhören, es zu kraulen. Diese Variante ist offensichtlich weniger gewalttätig, sie zeigt dem Pferd aber im Grunde nur, dass wir etwas nicht von ihm wollen. Was wir von ihm wollen, hat es damit noch nicht rausgefunden.

Je klarer wir also einem Pferd zeigen, was wir von ihm wollen, je deutlicher unsere Hilfen oder Hinweise sind und je leichter wir es ihm machen, das gewünschte Verhalten zu zeigen, desto weniger Gewalt ist nötig. Und damit das Pferd das Gewünschte auch lernt, sprich damit das Verhalten häufiger auftritt, braucht es die sogenannten Verstärker. Sie sorgen dafür, dass ein Verhalten häufiger auftritt. Das können einmal so genannte positive Verstärker sein, worunter alles fällt, was angenehm für das Pferd ist. Streicheln, Futter, Lob, der Kontakt zu Artgenossen etc. Ausserdem gibt es noch die negativen Verstärker, also den Wegfall von etwas Unangenehmem. Natürlich ist es angenehm für das Pferd, wenn der Druck verschwindet, sobald es das macht, was der Mensch sich wünscht. Aber damit ich den Druck wegnehmen kann, muss ich ihn erst mal aufbauen. Und das ist unangenehm fürs Pferd.

Belohnung und Bestrafung - beides funktioniert in der Ausbildung von Pferden, Hunden und Kindern – aber nicht beides ist in gleichem Masse gewaltfrei. Dem Pferd möglichst klar zu zeigen, was wir von ihm wollen und das richtige Verhalten mit positiver Verstärkung zu belohnen, ist nicht immer der einfachere, aber immer der freundlichere Weg. Überlegen Sie doch mal selbst: Von wem lernen Sie lieber - einem gewalttätigen Chef oder einem verlässlichen Freund? Oder um es mit den Worten von Mark Rashid in „denn Pferde lügen nicht“ auszudrücken: „Mir scheint, wenn wir Pferdeverhalten … nachahmen wollen, müssen wir uns entscheiden, welche Art Pferd wir sein wollen. Wollen wir sein wie Otis und Captain, die Pferdebosse, denen die anderen aus Furcht und Misstrauen gehorchen? Oder wollen wir sein wie Buck, das Pferd, das auch für die schwierigsten Probleme eine Lösung findet – der Führer, dem die anderen nahe sein und zu dem sie aufschauen wollen?“


Vertrauen statt Dominanz, das Buch von Marlitt Wendt

Fotos: Leonie Hochrein, Annalena Kuhn und Alice Forberg

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